Filterbubbles und Ratlosigkeit

Mir ist egal, was andere Menschen wiegen. Von mir aus darf jeder aufgehen wie Hefeteig, wenn er oder sie das möchte. Klar, das ist für´s Gesundheitssystem auf Dauer keine schöne Sache, da nunmal die immer und bis zum Erbrechen als einziger Beweis angeführte Flagel-Studie leider schon lange debunked ist und der Rest eindeutig sagt: Normalgewicht ist am Gesündesten. Aber so lange die Gesellschaft Raucher, Trinker und Freeclimber tragen kann, sind die Dicken wohl auch kein wirkliches Problem.

Was sich hingegen in letzter Zeit zu einem gefühlten Problem („gefühlte Temperatur“) entwickelt hat ist etwas, das parallel zum Veganerbashing geht: So wie es deutlich mehr Leute gibt, die sich darüber beschweren, dass Veganer („diese verdammten Grünzeugnazis!11!!“) sie mit ihrem Extremismus belästigen würden, als es überhaupt Veganer in Deutschland gibt (2% waren´s glaube ich) und sich deshalb berufen fühlen, lautstark eine Ode des Fleischkonsums zu singen, so gibt es auch immer mehr Dicke oder Dickenversteher („Fat Acceptance“), die sich darüber beschweren, sie würden von der Gesellschaft ausgegrenzt und benachteiligt, obwohl es doch „zweifellos“ nur ein sehr kontemporäres Schönheitsideal wäre, nicht dick zu sein. Deshalb gehörten nun Kleidergrößen durch Phantasienamen ersetzt, das Wort „Übergewicht“ aus dem Wörterbuch getilgt und jeder, der Fett nicht sexy findet, sollte sich am Kopf untersuchen lassen.

Interessanterweise habe ich außerhalb von Reddit oder 4Chan nie irgendwo dieses mysteriöse Dickendiskriminieren gesehen (und dass das die Klowände des Internets sind, ist hoffentlich Allgemeinwissen. Unterhaltsame Klowände bisweilen). Aber dafür wird selbst in meiner kunst- und nerdlastigen Ecke von tumblr, auf The Mary Sue und sogar auf sonst sehr reflektierten und von mir immens geschätzten Blogs wie der Vorspeisenplatte oder kleinerdrei das Lied der Nutzlosigkeit von Bemühungen zur Gewichtsreduktion gesungen, die (schon instant sehr gekonnt zerrupfte) Biggest-Loser-Studie mitsamt ihren haltlosen Daten und 14 Teilnehmern als feste Bank gewertet (confirmation bias, anyone?) und selbst auf der re:publica gibt es Vorträge dazu, dass Dicke endlich akzeptiert werden sollten.

Und das verstehe ich nicht. Wo liegt der Unterschied zur Zigarettenwerbung? Niemand ist gezwungen zu rauchen, niemand muss dick sein. Dicke müssen nicht vor der Kneipe unter Heizpilze oder in besondere Wartebereiche der Bahn.

Man kann niemanden zwingen, Fett als sexy zu empfinden. Es liegt nicht im genetischen Programm. Nicht umsonst ist auch bei Pferden „Showkondition“ dicker als „Zuchtkondition“ (okay, das war fies und unnötig). Also … was? Schulkindern Maulkörbe verpassen, damit sie keine Beleidigungen mehr brüllen können (habe ich zwar noch nie erlebt, soll es aber geben. Heißt es)? Mehr Erotikfilme mit 200-Kilo-Protagonisten und Zwangskonsum der selben?

Ich weiß das alles nicht. Berufenere Köpfe mögen sich dieselben zerbrechen, ob und wie das steigende Durchschnittsgewicht aufgefangen oder integriert werden kann.

Aber es ist schon verwunderlich, dass der Weg des geringsten Widerstandes (nämlich gefühlt machtlos zu sein gegen die Natur, die uns hilflos immer dicker macht und sich deshalb bequem zurückzulehnen, statt anstrengende Änderungen anzugehen), immer breitere Zustimmung erfährt.

Oder bin ich zu sensibilisiert und es ist nur ein Nischenphänomen, ein preaching to the choir, das ich nur zufällig zu oft mitbekomme?

Ich nehme dann mal weiter ab. Denn ich bin definitiv nicht sexy (muss auch nicht sein) oder gesund (unbedingt erstrebenswert). Wenn eine dicke Kuh dünn wird, ist sie zwar immer noch kein Reh – aber besseres Gefühl innen und Gesundheit helfen schon enorm.

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