Monat: Juni 2016

Fettidentität

Druck

Die dicke Identität. Darüber habe ich jetzt schon ein paar Mal in Blogs und Foren gelesen. Gemeint ist damit das Selbstbild, das sich im Laufe der Abnahme nicht so schnell verändert wie der Rest des Körpers.

Ein Kollege meines Vaters hat ein Holzbein. Das klingt sehr piratig, korrekter wäre natürlich „er hat einen prothetischen Fuß“ – aber als Kind hatte so ein „Yarr, ihr Landratten“ irgendwie mehr Appeal. Jedenfalls hat dieser Kollege auch nach Jahrzehnten immer noch manchmal Schmerzen in schon lange nicht mehr vorhandenen Zehen.

Vergleichbar? Nimmt man die Fettcorona immer noch wahr, auch wenn sie schon lange die Umlaufbahn deutlich verkleinert hat? Sieht man im Spiegel immer gleich aus? Und wenn ja – warum hat man sich dann nicht durchgehend als schlank wahrgenommen, als man zugenommen hat?

Vermutlich ist es einfach ein Gummizug, der mit Verzögerung auf Belastung reagiert. Der sich länger dehnt, bevor er wieder in die richtige Position schnappt.

M. brauchte ein Jahr, bevor er sich dazu überreden ließ, Slimfit-Hemden zu kaufen, die ihm ausgezeichnet stehen.

Wie lange werde ich brauchen?

Irgendwie scheint es mir eher so, als unterläge meine dicke Identität unvorhersehbaren Schwankungen in kleiner Amplitude. Letzte Woche fühlte ich mich fast „normal“, diese Woche sehe ich im Spiegel nur einen Klumpen. Ohne zugenommen zu haben. Es ist sogar ziemlich störend, überhaupt an spiegelnden Oberflächen vorbeizugehen, da ich mich im Moment als geradezu unerträglich dick empfinde. Ich möchte mich nicht ansehen, möchte alles vermeiden, das mir ein Bild geben könnte.

Ob das vollständig der dicken Identität geschuldet ist oder ob es auch damit zusammenhängt, dass ich im Moment wieder die graue Ebene sehe, mich dementsprechend von allen Menschen abschotte und jeden Kontakt als störend empfinde … ich weiß es nicht. Vielleicht hat die graue Ebene neue Tricks gelernt und sorgt nun mit dem, was ich von mir wahrnehme, für Isolation. Denn warum sollte nur die „normale“ Sicht auf die Dinge getrübt sein? Das Dunkle ist doch bestimmt auch lernfähig.

Wie immer hilft nur, einen Fuß vor den anderen zu setzen. Die Monotonie der Bewegung brachte mich bisher immer auf die andere Seite der Ebene.

Vielleicht wartet dort auch das Selbstbild von letzter Woche.

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Raging Hormones

Deadpool_Wolf_Tattoo_wiP

Erste Skizze für ein Tattoo, das es nie geben wird. Es gehört in eine Geschichte.

Ich liebe diese Kapitelüberschrift aus Irvings „A Son of the Circus“. Ich liebe das ganze Buch, lese es alle ein, zwei Jahre wieder. Das Gegenteil eines Kriminalromans, in dem der Mörder weniger interessant ist als seine Vergangenheit und in dem nicht nur das Blut von Zwergen, sondern auch Fin-de-Siécle-Exhibitionistinnen, Bollywood und auf keinen Fall Indien großformatig ausgebreitet werden.

Irvings letzte Bücher haben mich nicht mehr wirklich eingefangen – aber Son of the Circus ist eine Bank.

Warum nun diese Überschrift? Weil ich mich als Opfer eben dieser Hormone fühle. Mein Gewicht stagniert, ich habe das Gefühl, immer aufgeblähter und unförmiger zu werden. Ein langsam schwappender Wasserballon, der sich von Bein zu Bein wackelnd ohne die Knie zu beugen durch New Yorks Straßen schleppt, um am Ende von den Ghostbusters erlegt zu werden.

Da ich eigentlich ernährungsmäßig alles im Griff habe (möglicherweise brauche ich mehr Fett. Aber darum kümmere ich mich heute Abend), muss es der Zyklus sein. Das ewige kurze Ende des Stockes; der ständige Preis für ganzjährige Fortpflanzungsfähigkeit, die ich nicht benötige. Stoisches Durchhalten. Etwas anderes bleibt mir auch kaum übrig, meinem Körper ist es völlig egal, ob ich ihn verfluche. Das ist er gewöhnt.

In einer gerechten Welt wäre dann zumindest im Herz alles eitel Sonnenschein.

Die Antwort wäre hier: zum Teil. Ich bin gerade mit Verve kreativ, zeichne alles mögliche. Und man sollte so etwas niemals als „normal“ betrachten. Auch wenn es üblich geworden ist, dass Girlfriend und ich uns gegenseitig Kreativität schenken. Ich bekomme Geschichten, sie bekommt die Bilder dazu. Keine trickreich durchkomponierte Prosa, keine bedeutungsvoll-tiefen Illustrationen. Nur Spaß für uns; für niemanden außer uns beiden wirklich verständlich. Wir sitzen in unserer Welt und tapezieren dort die Wände. Das ist erfüllend. Das zieht die Schraube im Rücken auf und ich kann weitermarschieren.

Und das brauche ich auch. Denn der Rest der Welt scheint sich verschworen zu haben, mir auf den Wecker zu fallen. Rücksichtslosigkeit und völlig fehlende Empathie machen es mir schwer, Projekte in ihrer Endphase um Klippen zu steuern. Und Gespräche eskalieren nur. Es ist ein stures ich-muss-da-durch, ohne dass ich ein Licht sehen kann. Und immer wieder sich sagen „wenn das vorbei ist, spreche ich es an und wir lösen das“.

An irgend etwas muss man glauben.

Aus gegebenem Anlass …

Ach, verdammt, 2016. Was soll das denn?

Mit Lemmys Tod fing es an (das war ja praktisch schon 2016) und hat irgendwie nicht aufgehört.

Jetzt auch noch Bud Spencer … das macht doch keinen Spaß!

Privat läuft bei mir zwar alles deutlich besser als die Jahre zuvor (das Abnehmen ist ein Symptom, keine Ursache) – aber dass einem die guten Prominenten der Kindheit wegsterben nervt schon.

Ich hoffe, der gestern von mir verlinkte Adriano Celentano hält wenigstens noch weiter durch!

Natürlich ist das alles nur ein Memento Mori. Denn wenn die Helden aus Kindertagen sterben, bedeutet das, dass man aufgerückt ist. „You´re next“. Na gut, das ist melodramatisch und auch ein wenig weiter hergeholt. Aber sage mir keiner, es ginge nicht um das bittere Gefühl, dass man alt genug ist, um die sterben zu sehen, die Ordnung in die kleine Welt gebracht haben.

Ach, fuck 2016.

Der Montags-Wiegewolf sagt …

Wiegewolf

vierzehnte Woche und 77,3 Kilo.

Was bedeutet, dass ich seit Samstag wieder stagniere. Aber mittlerweile läuft das wirklich an mir ab. Ich habe fünfzehn Kilo geschafft, das ist eine echte Menge. Ein Wasserkasten wiegt glaube ich so viel. Und Kölns fetteste Katze bringt das auch auf den Boden (das habe ich gerade erst dank Google gefunden. Die Daten stark adipöser Katzen sind nicht meine Kernkompetenz).

Und ob ich jetzt noch ein paar Tage die selben Zahlen im Display sehe, ist ziemlich gleichgültig. Denn dass ich irgend etwas richtig mache, zeigt die Gesamtmenge. Und trotz dass ich derzeit beruflich Stress habe (und noch dazu von der Sorte, die aus der Gummeligkeit anderer Leute entsteht, vermeidbar wäre und deshalb um so ärgerlicher ist), klappt es mit der Ernährung sehr gut.

Am Samstag beim Vampirespielen habe ich von G.s mitgebrachter Käseplatte und D.s Honigmelone gegessen, hatte ein Stück Chilischokolade (nicht so wirklich der Bringer, Zartbitter ist nicht mehr meins. Ich mochte es eine Zeitlang, freue mich jetzt aber eher über Vollmilch, Nougat oder sogar weiße Schokolade) und eine monströse Erdbeere. Und trotzdem keine Konsequenzen.

Weniger schön und begeisternd ist, dass der Rom-Urlaub für dieses Jahr vermutlich ins Wasser fällt, da sowohl Girlfriend als auch ich im Herbst keinen Urlaub nehmen können. Maximal kurz vor Weihnachten – und dann ist Rom vermutlich nicht zu empfehlen, mit all´ dem katholischen Zinnober.

Nun ja. Dann eben im nächsten Frühjahr. Hauptsache irgendwann. Ich war noch nie in Italien und würde es so gern sehen. Natürlich ist Rom vermutlich nicht wirklich repräsentativ für Italien. Aber ein Anfang.

Zwischenschrittbild

Progression

Dieses Bild ist von Freitag. 77,7 Kilo. Sieht mit der seltsamen Halbdrehung und der Tasche natürlich eher unvorteilhaft aus – aber ich habe es auch nur mehr im Vorübergehen am Spiegel im oberen Treppenhaus des Verlages gemacht. Ich bin nicht gut darin, fotografiert zu werden. Eher ridiculously unfotogenic. Von daher ist das schon das Optimum, was man so herausholen kann. Vielleicht wird es besser, wenn ich gewichtsmäßig am Ziel bin. Wer weiß.

Trotzdem irgendwie gar nicht mehr sooo fett. Eher dick. Und auf dem besten Wege zu normal. Weil ich ziemlich klein bin, wirkt jedes Kilo mehr auf den Rippen gleich um so dramatischer. An großen Menschen verteilt sich Fett irgendwie gravitätischer (was auch nur meine Meinung ohne Anspruch auf Objektivität sein kann). Bei kleinen Leuten produziert es sofort den Hamsterballeffekt. Human sized hamsterball.

Also – weiter gehts. 17 Kilo müssen noch.

Gewittermagie

Portrait_Cathy

Für F. ❤

Es hat begonnen, als Frau Mahler gestorben ist.

Frau Mahler wohnte bei uns im Haus. Im Erdgeschoss. Zusammen mit ihrer Tochter und ihrem Enkel, der in meinem Alter ist, weswegen man sich vage kennt. Frau Mahler kam nach dem Krieg aus Siebenbürgen in die kleine Stadt und blieb dort. Sie heiratete einen Ortsansässigen, bekam ihre Kinder, wurde alt. Ich habe gelegentlich mit ihr gesprochen, wie man das eben tut. Das Wetter, die Gesundheit, die Arbeit. Etwas lauter und deutlicher, da sie in den letzten Jahren nicht mehr gut gehört hat. Das mit dem Sehen war auch schon länger ein Problem, weshalb sie jede Woche vom Sehbehindertendienst (das heißt vermutlich nicht so, aber ich kenne die richtige Bezeichnung nicht) große orangene Plastikkassetten mit Büchern bekam.

Frau Mahler blieb immer aktiv. Vor allem in der katholischen Gemeinde und ihrem Frauenkreis. Selbst als jeder Weg zum Gemeindehaus irgendwann dann  eine halbe Stunde dauerte, war sie regelmäßig dorthin unterwegs.

Ihren Volksglauben hat sie nie abgelegt. Jedes Jahr ließ sie sich ein Sträußchen Kräuter weihen, um damit Unwetter abzuhalten. Und was soll ich sagen – wir hatten nie schlimme Gewitter.

Letzten Spätsommer ist sie gestorben.

Und dieses Jahr haben wir die schlimmste Gewitterserie erlebt, an die man sich erinnern kann. Der Odenwald wurde verwüstet und auch bei uns in der Ebene wollten die Flüsschen und Bächlein in der großen Liga mitspielen.

Niemand hat mehr geweihte Kräuterbüschel.

Ich sage nicht, dass es kausal ist. Aber eine seltsame Korrelation ist es auf jeden Fall.

Und heute soll es wieder Unwetter geben.

Und weiter geht´s

Rhys_Jamie_Verwundet

Das Wasser hat sich verzogen. Erst einmal. Ich bin wieder bei 77,7 Kilo. Noch ungefähr zwei, drei Kilo und ich habe Bergfest. Dann ist die Hälfte von dem, was ich mir vorgenommen habe, runter. Aber das wird irgendwie immer fließender. War zunächst das Ziel „nur mal endlich Normalgewicht!“(also alles unter 64 Kilo), habe ich mich auf „warum nicht Körpergröße minus hundert?“ (62 Kilo) vorgetastet und mittlerweile ist mein Ziel „60 oder darunter wäre prima“.

Und je nachdem, wie weit mein Ziel noch nach unten huscht, muss ich meine Meilensteine eben auch anpassen. Unter 60 wäre dahingehend prima, dass ich dann direkt mit Krafttraining wieder ein, zwei Kilo an Muskeln draufschaffen könnte, ohne auf der Waage zu verzweifeln.

Aber das ist alles Zukunftsmusik.

Erst einmal muss das Wasser wegbleiben. Das ist nämlich noch lange nicht sicher. Erfahrungsgemäß bin ich für Einlagerungen in der ersten Zyklushälfte sehr, sehr empfänglich.

Und dann gehe ich die Lederhose an. Genau. Die Lederhose. Gekauft mit 19 Jahren fürs LARP. Irgendwann wurde sie zu eng, aber ich habe sie behalten. Weil das Ding erstens verdammt teuer war (es ist eine schöne, dunkelbraune Bikerhose ohne Schnürung) und zweitens viele Erinnerungen daran hängen. Letzteres sieht man leider auch nur zu deutlich. Die Oberschenkel sind vorne unglaublich speckig, weil bei LARP und Reenactment Kleidung oft auch Tischtuch und Serviette ist. Man rutscht im Wald herum und legt sich beim Kampf auf die Fresse. All das hat die Hose brav mitgemacht und ich bilde mir ein, die vielen, vielen Lagerfeuer, an denen ich herumgesessen bin, noch im Leder riechen zu können.

Vor ein paar Tagen hatte ich nun die Schnapsidee, die Hose einmal wieder anzuprobieren.

Und … siehe da! Fast! Sie passt fast! Noch vier, fünf Kilo und sie sitzt wieder! Noch sieben, acht Kilo und sie passt perfekt.

Nicht, dass ich sie jetzt noch brauchen könnte. Man kann sich damit nur schwer in der Öffentlichkeit bewegen, ohne seltsame Blicke zu ernten. Aber es geht hier nicht um Logik sondern um Nostalgie.

Ob man sie reinigen könnte?