Fettidentität

Druck

Die dicke Identität. Darüber habe ich jetzt schon ein paar Mal in Blogs und Foren gelesen. Gemeint ist damit das Selbstbild, das sich im Laufe der Abnahme nicht so schnell verändert wie der Rest des Körpers.

Ein Kollege meines Vaters hat ein Holzbein. Das klingt sehr piratig, korrekter wäre natürlich „er hat einen prothetischen Fuß“ – aber als Kind hatte so ein „Yarr, ihr Landratten“ irgendwie mehr Appeal. Jedenfalls hat dieser Kollege auch nach Jahrzehnten immer noch manchmal Schmerzen in schon lange nicht mehr vorhandenen Zehen.

Vergleichbar? Nimmt man die Fettcorona immer noch wahr, auch wenn sie schon lange die Umlaufbahn deutlich verkleinert hat? Sieht man im Spiegel immer gleich aus? Und wenn ja – warum hat man sich dann nicht durchgehend als schlank wahrgenommen, als man zugenommen hat?

Vermutlich ist es einfach ein Gummizug, der mit Verzögerung auf Belastung reagiert. Der sich länger dehnt, bevor er wieder in die richtige Position schnappt.

M. brauchte ein Jahr, bevor er sich dazu überreden ließ, Slimfit-Hemden zu kaufen, die ihm ausgezeichnet stehen.

Wie lange werde ich brauchen?

Irgendwie scheint es mir eher so, als unterläge meine dicke Identität unvorhersehbaren Schwankungen in kleiner Amplitude. Letzte Woche fühlte ich mich fast „normal“, diese Woche sehe ich im Spiegel nur einen Klumpen. Ohne zugenommen zu haben. Es ist sogar ziemlich störend, überhaupt an spiegelnden Oberflächen vorbeizugehen, da ich mich im Moment als geradezu unerträglich dick empfinde. Ich möchte mich nicht ansehen, möchte alles vermeiden, das mir ein Bild geben könnte.

Ob das vollständig der dicken Identität geschuldet ist oder ob es auch damit zusammenhängt, dass ich im Moment wieder die graue Ebene sehe, mich dementsprechend von allen Menschen abschotte und jeden Kontakt als störend empfinde … ich weiß es nicht. Vielleicht hat die graue Ebene neue Tricks gelernt und sorgt nun mit dem, was ich von mir wahrnehme, für Isolation. Denn warum sollte nur die „normale“ Sicht auf die Dinge getrübt sein? Das Dunkle ist doch bestimmt auch lernfähig.

Wie immer hilft nur, einen Fuß vor den anderen zu setzen. Die Monotonie der Bewegung brachte mich bisher immer auf die andere Seite der Ebene.

Vielleicht wartet dort auch das Selbstbild von letzter Woche.

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