Die Tante erzählt was

Weil es von Townhouses recht wenig hielt, lebte einmal ein Einhorn in einem genretypischen Märchenwald. Es führte ein ziemlich unauffälliges Einhornleben, sah eine große zivilisatorische Errungenschaft darin, seiner Umwelt möglichst wenig auf den Sack zu gehen und hielt sich aus den meisten Dingen heraus.

Zu diesem Einhorn gehörte die Waldnymphe – oder umgekehrt; mit Besitz hatten es beide nicht wirklich. Und hin und wieder kamen auch der Erklärfaun der Nymphe und der Nörgelbär zu Besuch.

Alles hätte großartig sein können.

Doch irgendwann bemerkten die Freunde des Einhorns, die auf dem Bauernhof am Rande des Waldes lebten, dass etwas nicht stimmte. Frau Schwan sah das Einhorn, als es einmal wieder zu Besuch kam, scharf an und fragte „Sag mal, was soll das eigentlich mit dem Geglitzer?“

Das Einhorn war verwirrt und antwortete „Naja, normale Sache für uns Einhörner.“

Frau Schwan lachte „Du bist doch kein Einhorn! Einhörner haben spitze Dinger auf der Stirn!“ Das Einhorn deutete auf sein Horn und fragte „So etwas?“

Frau Schwan schüttelte den Kopf „Das seh´ ich doch ´ne Meile gegen den Wind, dass das nicht echt ist! Du bist kein Einhorn, warst du noch nie.“

Leichte Verzweiflung machte sich in der Stimme des Einhorns breit „Aber … aber ich kann das da!“ Und es berührte mit dem Horn eine verdorrte Blume, worauf diese sich aufrichtete und wieder gesund wurde.

Frau Schwan winkte ab „Das ist nur eine Phase! Es gibt keine Einhörner. Du hast doch diese Sache mit der Waldnymphe – also bist du ein buntes Pony, das ist ja wohl klar! Einhörner … echt jetzt. Das ist doch Märchenkram.“

Traurig kehrte das Einhorn in den Märchenwald zurück. Es ging zum See, der sich zu Füßen des Baumes der Waldnymphe ausbreitete und spiegelte sich darin. Eindeutig Glitzer. Eindeutig ein Horn.

Die Waldnymphe kam gerade vom Krafttraining, stellte ihr Proteinshake ab und trat zum Einhorn. „Was ist denn los?“ – „Frau Schwan sagt, ich bin kein Einhorn, weil es Einhörner nicht gibt. Aber sogar der Nörgelbär weiß, dass ich echt bin!“

Die Nymphe zuckte die Schultern „Dann lass Frau Schwan doch glauben, was sie will. Der Nörgelbär, der Erklärfaun und ich – wir wissen, dass du echt bist. Und jetzt komm, ich lade dich auf ein Glas Weizengrassaft ein.“ – „Gerstengrassaft bitte“, sagte das Einhorn bescheiden.

Und sie gingen zur Küche der Nymphe, um Wasser in den Filter nachzufüllen.

Das Thema Hörner und Glitzer wurde bei Frau Schwan nie wieder angesprochen. Und weil das Einhorn nun vorsichtig geworden war, erwähnte es dergleichen auch weder beim Erdbeer-Sahne-Hähnchen noch beim Hüpfschäfchen. Nicht einmal bei der Regenbogenforelle.

Schade drum – denn Freundschaften sollten nicht damit belastet werden, dass man anderen erzählt, was sie nicht sind. Aber weil Frau Schwan ansonsten absolut großartig war, konnte das Einhorn irgendwann damit umgehen.

————-

Und dieses Märchen, liebe Kinder, ist die nur dünn verklausulierte Geschichte, warum man seinen Freunden nicht sagt, dass man asexuell ist. Homo geht, bi geht – aber asexuell existiert nicht.

Falsch. Es gibt sogar eine ganze Menge verschiedene Ausprägungen von Asexualität. Man kann gern pornografische Bilder zeichnen und asexuell sein (und wie ich das kann!). Man kann Sex haben und asexuell sein (meistens, um dem Partner einen Gefallen zu tun – aber das heißt nicht, dass man dem Partner damit etwas vorspielen würde. Immerhin gehen auch viele Leute für ihre Liebsten in Museen, auf Sportveranstaltungen oder Parties und das ist absolut kein Problem). Man kann Sex gar nicht mögen und asexuell sein.

Aber eins ist sicher – man liebt seine/n Partner/in. Denn Romantik ist eine völlig andere Baustelle. (Es gibt auch aromantische Personen – aber zu denen kann ich nichts sagen, da ich es weder bin noch solche kenne.)

Auf der einen Seite hat man es natürlich leichter als Homo- oder Bisexuelle. Auf der anderen Seite bekommt man, sofern man einen gleichgeschlechtlichen Partner hat, dann doch den ganzen Mist ab, mit dem auch die Homos kämpfen müssen. Und hat dann zusätzlich, falls man so doof ist, sich zu „outen“, noch das Generve mit „bildest du dir ein“, „neeee, du bist nicht asexuell!“, „Asexualität ist ein Mythos“, „Hahaha, ja klar – asexuell sein wollen und polyamor leben, wer´s glaubt!“ und „das geht vorbei, du kriegst bestimmt Lust auf Sex!“ an der Backe.

Der wilde tumblr-Aktionismus („No, Patrick. Mayonnaise is not a gender!“) hat auch nicht wirklich geholfen, Glaubhaftigkeit zu untermauern.

Das war nun eine ganze Ecke persönlicher und dichter dran, als meine bisherigen Blogposts. Aber irgendwann ist man an dem Punkt, an dem man genug davon hat, dass niemand an einen glaubt.

That´s all I´ve got to say.

Remy1

Rémy, mein erster asexueller RP-Char. Damals hatte ich es noch keinem gesagt. Rémy wurde generell als „seltsam“ empfunden. Tja.

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3 Kommentare

  1. Klar gibt es Asexuelle. Ich kenne mindestens zwei. Und es gibt `sogar eine Partnerbörse (Gleichklang), in der sie sich finden, weil sie natürlich trotzdem gerne in Beziehung leben möchten.Am besten mit jemandem, der so tickt wie sie. Und romantisch sind sie auch.

    Die Leute glauben nicht, was sie nicht verstehen.
    Ich habe mir abgewöhnt Menschen, denen der Resonanzkörper für meine Worte fehlt etwas zu erklären. Ich mag sie trotzdem, wie die Frau Schwan.

    Ich mag übrigens auch die Einhorn-Geschichte gern.
    Erinnert mich an „Das kleine Ich“, mein Lieblingskinderbuch.

    Gefällt mir

    1. Das mit der Partnerbörse war mir völlig neu! Sehr interessant. Wenn auch für mich derzeit nicht von Belang – Nymphen und Bären kuscheln auch gern.
      Dass dergleichen in „der Großstadt“ (TM) gelassener und offener betrachtet wird als bei uns in „der Provinz“ ist wohl nur natürlich. Freut mich sehr für jeden, der sich dort nicht erklären und rechtfertigen muss! So sollte es sein.

      Gefällt 1 Person

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