Selbst wert sein

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Ernst ist das Leben – und dieser Text -, heiter die Kunst.

Ich mache meinen Wert nicht an meinem Gewicht fest. Aber zu behaupten, es spiele nicht in meine Wahrnehmung hinein, wäre Selbstbetrug.

Wer mit Angststörungen lebt, weiß, dass man schnell dazu neigen kann, aggressiv zu werden. Vor lauter Furcht ist man ständig im Angriffsmodus, um ja nicht wieder (wieder!) das Opfer zu sein. Man neigt zu Pauschalurteilen und beißt um sich. Das ist ein ziemlich urtümliches Verhalten. Und nur weil man weiß, dass es unnötig ist, kann man es noch lange nicht abstellen – was manchmal sogar Freunde erst erschöpft und dann wütend werden lässt („wenn du es weißt, warum tust es denn dann?!“).

Das Gewicht spielte in all´ das mit hinein. Einerseits habe ich mich auf meinem Höchstgewicht (92 Kilo) nicht als menschlich betrachtet – meine innere Selbstbezeichnung war „der Klumpen“ – andererseits hatte ich diese irrsinnigen Erwartungen, dass man mich doch bitte trotz meines Aussehens akzeptieren können müsse. „Man“ war in diesem Fall der Rest der Welt; recht unreflektiert alles und jeden in einen Topf geworfen.

Hier bin ich vermutlich ziemlich nah an dem entlang geschrammt, was die Fat Acceptance-Leute vor sich her monstranzen: „Nimm mich an. Egal wie. Auch wenn ich mich wie ein Arsch benehme, das ist egal, denn ich bin dick, habe meine Gründe und damit bist du intolerant, wenn du mich ausgrenzt!“

Ich habe einen sehr stark entwickelten Wahrnehmungsfilter. Meine people-watching-skills sind fast nonexistent. Deshalb habe ich nie bemerkt, dass mich irgend jemand wegen meines Gewichts verspottet oder benachteiligt hätte. Oder vielleicht ist es ja auch nicht passiert, wer weiß.

Dennoch habe ich in der ständigen Furcht vor Verurteilung gelebt. Und bin deshalb im Umgang immer aggressiver geworden.

Was für eine unangenehme Spirale nach unten. Gefühlte Ausgrenzung führte zu immer mehr in-yo-face-Verhalten.

Die Besserung kam nicht mit dem Abnehmen. Die Besserung bedingte das Abnehmen. Zuerst war da nämlich Frau Schwan, beste Freundin von allen (auch wenn sie mich immer noch für bisexuell hält), die nicht mehr mit ansehen konnte, wie ich von meinen Ängsten, den Panikattacken und der Depression langsam aufgefressen wurde, und mich zu meiner jetzigen Therapeutin brachte.

Ich habe nie geglaubt, dass so etwas irgend etwas in mir verändern, anstoßen könnte. Es war doch nur Gerede und ein bisschen was mit Hypnose (Hypnose! So ein Esoquark!). Aber nach und nach bekam die Welt tatsächlich wieder Farbe. Wurden meine Aufenthalte in der grauen Ebene kürzer.

Und das führte dazu (zumindest vermute ich das), dass die Waldnymphe beschloss, den Schritt zu tun.

Natürlich prallte das voll gegen meine Wand aus „ich bin nichts wert“. Wieso wollte dieses wundervolle Wesen einen Klumpen küssen?

Aber irgendwie hatte ich nun dank Frau Doktor V. das Werkzeug, mir die richtigen Gedanken zu machen.

Und die sagten: „Warum soll ich für mich weiter klumpig sein, wenn ich die Macht habe, mich zu verändern? Warum soll ich nicht so sein können, wie ich sein möchte? Warum mache ich mir – und auch der Waldnymphe und allen anderen, die ich liebe – nicht das Geschenk, mich nicht mehr mit Verachtung zu betrachten?“

Genau zu diesem Zeitpunkt stieß ich über Robins Blogpostserie auf Nadjas Buch und Blog. Und der Rest ist Geschichte. Die Philosophie des „es ist deine Verantwortung – nimm sie dir!“, die hinter Fettlogik überwinden steht, passte millimetergenau zu meiner mühsam erkämpften und immer noch im Aufbau befindlichen Einstellung des „ich gehe das jetzt an!“

Ich behaupte nicht, durch das Abnehmen ein besserer Mensch geworden zu sein (oder noch zu werden, es fehlt ja noch einiges). Aber ich denke, dass ich mir dadurch die Möglichkeit eröffnet habe, mich als besseren Menschen anzunehmen.

Ich bin zu mir selbst nicht mehr gar so garstig. Und dieser Frieden in meinem Kopf wirkt auch nach Außen. Mehr Gelassenheit. Mehr Akzeptanz. Mir geht es besser.

Ich hätte nie geglaubt, dass es möglich ist – aber ich kann mich mittlerweile im Spiegel betrachten und als Mensch sehen.

Nein, ich habe nicht die Illusion, dass nur schlanke, schöne Leute überhaupt Personen sein dürfen. Verdammt, ich bin Grafikerin – ich weiß, was man mit Photoshop tun kann! Ich verallgemeinere auch nicht. Wer sich dick wohlfühlt, kann so viel wiegen wie er/sie möchte. Daraus leite ich gar nichts ab (wenn mir auch noch keine dicke Person begegnet wäre, der ich das „ich bin zufrieden mit meinem Gewicht/Aussehen!“ abgekauft hätte. Aber das bedeutet ja nur, dass ich immer noch keine guten people-watching-skills habe oder nur den falschen Leuten begegnet bin). Aber ich merke, wie ich anfange, mir zu gefallen. Sicher – wenn eine dicke Kuh dünn wird, ist sie noch lange kein Reh. Aber ich muss auch kein Reh sein. Ich möchte eine starke, fitte, schlanke Kuh sein.

Und ich weiß, dass ich es erreichen werde. Nach und nach. Ich habe noch einen langen Weg vor mir – im Kopf wie auch im Körper. Aber zu wissen, dass ich diese Macht habe, ist ein unglaublich gutes Gefühl. Erfüllt mich mit so viel Kraft!

Grund für diesen Text war, dass ich erstens jetzt bei 74,9 Kilo bin (und damit exakt 10 Kilo von Normalgewicht entfernt) und mir zweitens eine Kollegin sagte, dass es ja toll wäre, wie ich abgenommen hätte aber nun wäre doch mal gut.

Haha. Nein.

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