Zwei Seelen wohnen, ach! in meiner Brust

Ich habe seit Ostern zwanzig Kilo abgenommen. Es fehlen nur noch sieben bis zum Normalgewicht. Alles, was dann noch kommt (und das wird Einiges sein), ist Kür, keine Pflicht. Sieben Kilo zuviel. Hört sich nicht viel an und sollte laut dem durchschnittlich zu hohen Gewicht in Deutschland auch nicht so ungewöhnlich sein.

Sollte.

Gestern habe ich meinen inneren Widerstand überwunden und habe mir ein neues Paar Jeans gekauft. Die in 36 sind mittlerweile einfach derartig zu groß, dass das Zusammenschnüren mit dem Gürtel unangenehme Riesenfalten wirft, die mir in den Rücken stechen. Und dass das Ding wie ein Sack an mir hängt, macht es auch nicht attraktiver.

Also hatte ich die wahnwitzige Vorstellung, dass eine Jeans in 34 doch eine gute Idee wäre, und habe mich nach der Arbeit in eine dieser Gewerbegebiets-Mode-Legebatterien begeben, in denen zu laut Kirmestechno läuft und wo sonnenbankgegerbte Endzwanziger mit toten Augen sich erfolgreich um jede Beratungstätigkeit drücken. Nicht meine bevorzugten Jagdgründe aber für ganz normale Basic-Jeans wunderbar geeignet. Die strassbesetzten Exemplare ohne Taschen aus der Damenabteilung muss man natürlich vermeiden – aber in der Herrenabteilung gibt es den guten Stoff in bootcut und ohne Bund-unterm-Arm.

Jeans in Größe 34.

Ich dachte wirklich, ich sei nun gewichtsmäßig langsam in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Ein klarer Fall von Nelson-Haha.

In der Herrenabteilung gab es Jeans in 40, 38, 36, 30. Bei den Damen in 25, 28, 30, 32. Zum Glück war wenigstens meine Länge (32) reichlich vorhanden.

Schließlich habe ich doch noch drei Hosen in 34/32 gefunden. Eine schwarze, eine graue und eine blaue. Von wegen ich habe nun dank Abnahme freie Auswahl! Immer noch ist das Kriterium nicht „gefällt mir“, sondern – ganz wie zu fettesten Zeiten – „pass´ ich rein“. Und am Ende habe ich dann doch die blaue Jeans und sonst nichts genommen, weil die graue zu teuer war (ich möchte nicht achtzig Euro für eine Hose ausgeben, aus der ich in zwei Monaten wieder völlig herausgeschrumpft bin) und die farblich von mir bevorzugte schwarze Hose eine … buärgs … Stretchjeans war.

Gar nicht zu reden davon, dass ich im Spiegel der Umkleide ungefähr so frisch und attraktiv aussah wie eines dieser chinesischen Containerschiffe, die sich an Indiens Küsten zum Sterben niederlegen. Ein bleiches, aufgequollenes Etwas, das zuerst eine Art Sack auszog, um sich dann mühsam in (noch) ziemlich enge Pellen zu quetschen.
Ästhetisch ist definitiv anders.

Ich dachte, ich sei schon gut auf dem Weg. Sei äußerlich schon fast normal. Tja. Das gestern war ein reichlich unsanfter Weckruf der Realität. Ich könnte das ganze Erlebnis als „nur Einbildung“ und „ich bin mir selbst gegenüber zu kritisch“ abtun – aber die Tatsache, dass ich praktisch kaum passende Hosen gefunden habe, spricht eine andere Sprache.

Normalerweise lasse ich mich positiv deutlich besser motivieren als negativ. Kleine Erfolgserlebnisse helfen mir mehr als irgendwelche Drohungen. Der Hosenkauf fällt leider definitiv in die „Drohungen“-Kategorie.

Beschissen.

Und diesem Erlebnis zum Trotz habe ich dann absolut konträre Gelüste. Ja, ich werde weiter abnehmen. Ja, Disziplin ist kein Problem. Aber seit fest steht, dass wir doch noch versuchen, dieses Jahr ein langes Wochenende in Paris zu verbringen, verwende ich sehr viel Zeit und Energie darauf, online nach den Patisserien mit den besten Macarons und Eclairs zu suchen. Kunst und Ausstellungen – schön und gut. Werden wir ansehen. Aber die Attraktion wird für mich das Essen sein. Seit ich in der 13. Klasse diesen Landeswettbewerb deutsche Sprache und Literatur gewonnen hatte und als Preis vom Goethe-Institut eine Woche für ein Seminar ins Elsaß kutschiert wurde, habe ich ein Faible für französische Küche. Ansonsten rein anglophil, an Alkoholika völlig uninteressiert, der französischen Sprache absolut abgeneigt, hat sich dennoch das kohlenhydratzentrierte, cremige Essen dieses Landes einen Platz in meinem Herzen gesichert. Ja, ich weiß. Regionale Unterschiede, völlig andere Baustellen Norden gegen Süden und dergleichen. Aber irgendwie mag ich alles davon. Ich war nach dem Elsaßbesuch nur noch einmal in Frankreich, diesmal in der Nähe von Marseille … und war auch dort von den Süßigkeiten und den Suppen entzückt. Gar nicht zu reden von den Coquilles Saint Jacques, die eine Bekannte aus Saarbrücken einmal bei sich servierte, und die sie von „über der Grenze“ geholt hatte.

Prinzipiell habe ich also von französischer Küche praktisch gar keine Ahnung, finde aber das Wenige, das ich bisher davon probiert habe, so großartig, dass ich in einen Besuch der Landeshauptstadt sehr hohe Erwartungen setze.

Und das völlig unabhängig davon, dass fluffige Bisquitschiffchen und cremegefüllte Eischneeplätzchen das exakte Gegenteil dessen sind, was ich im Moment so zu mir nehme.

Zeigt, dass ich, sobald ich irgendwann im „Gewicht halten“-Bereich angekommen sein werde, wie ein Schießhund aufpassen muss, dass ich mit Süßigkeiten Maß halten werde. Andererseits habe ich vor, auch nach der Abnahme beim intermittierenden Fasten zu bleiben und erst ab 13 Uhr etwas zu essen. Weil es mir gut tut, mich konzentrierter und besser gelaunt macht. Was dann bei 1300 Kalorien Grundumsatz und etwa 1800 Kalorien Leistungsumsatz zu rund dem Doppelten, was ich derzeit esse, führt. Und da ist dann selbst mit einer Tafel Schokolade am Tag noch kein Problem in Sicht. Vor allem, wenn ich ansonsten auch weiterhin Low Carb essen werde, weil mir auch das gut tut. Hübschere Haut und so.

Und nein, ich werde nicht jeden Tag eine Tafel Schokolade essen.

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