Fremdwertgefühl

Zwischenschritt_1608Zuerst ein Zwischenschrittbild. Ich finde nicht, dass sich optisch zum letzten Mal viel verändert hätte. Aber zumindest auf der Waage tut sich ja etwas. Von gestern auf heute gingen 500 Gramm Wasser, so dass ich nur noch 200 Gramm über meinem Stand von letzter Woche bin.

Sonst ist es nicht ganz so gut. Ich bin sehr unerwartet von der grauen Ebene überrascht worden. Normalerweise kommt sie angeglitten wie eine Schnecke. Schleicht sich an, ohne sich zu verstecken. Ein bisschen wie die eisige Morra bei den Mumins. Sie ist sehr langsam aber sehr unaufhaltsam und setzt sich auf alles, was warm ist, bis es erlischt. Ja, das sind wirklich viele Parallelen.

Diesmal kam sie nicht gemächlich und in offener Sicht, sondern fiel praktisch vom Himmel. Auf einmal war alles um mich herum grau und alles, was ich tue, kostet unendlich Mühe. Freizeitaktivitäten finden außerhalb von in-den-Bildschirm-starren nicht mehr statt, weil ich im Moment alle verfügbare Kraft brauche, um morgens aufzustehen und zur Arbeit zu gehen. Und um dort unauffällig zu funktionieren. Ich bin dünnhäutig und ängstlich und schleiche geduckt herum, um auch ja nichts zu berühren.
Man kann nichts tun. Nur abwarten. Durchhalten.

Während dessen hört man aber natürlich nicht auf, zu denken und zu bewerten. Der einzige Unterschied zum Normalzustand ist der zynische Ton, der sich über alles legt. Möglicherweise ist es auch nur ungefärbte Realität, was weiß denn ich.

Mir ist aufgefallen, dass ich kein Lob mehr dafür hören möchte, wie viel ich abgenommen habe. Gerade meine Eltern sagen mir jede Woche, was das doch für eine tolle Leistung wäre und dass ich stolz sein sollte. Nein, sie implizieren vielmehr, dass ich stolz bin. Es gibt keine andere Sichtweise. (Das ist bei meinen Eltern oft so.)

Und je öfter ich das mitgeteilt bekomme, um so leerer fühle ich mich. Denn es zeigt mir: Ich bin jetzt etwas wert. Früher war ich das anscheinend nicht. Früher war ich der Klumpen. Und der durfte offenbar nicht auf sich stolz sein und hatte nichts geleistet. Der Klumpen war ein unschöner Vor-Zustand, aus dem ich mich befreien musste, um zur Person zu werden.

Dann fühle ich Mitleid mit meinem früheren Ich, das offenbar nie gut genug war. Und ich werde zornig, dass das Gewicht bestimmen kann, ob Leistungen anerkannt werden oder nicht. Ich bin nicht anders, als vor einem halben Jahr. Nur zwanzig Kilo leichter. Sonst hat sich nichts geändert. Ich bin weder klüger noch gebildeter, nicht eloquenter und schon gar nicht freundlicher geworden. Ich habe kein Zweitstudium bewältigt und nicht promoviert. Ich habe weder ein Krebsmedikament entwickelt noch war ich besonders nett oder mitfühlend. Es ist nichts passiert, ich habe nichts geleistet … außer dass ich Kalorien eingespart habe. Ich habe etwas nicht getan. Einfach sein gelassen.

Und das ist der Grund dafür, dass ich jetzt stolz sein soll? Etwas wert bin?

Es ist sehr ernüchternd, auf Äußerlichkeiten reduziert zu werden.

Gerade mit meinen psychischen Erkrankungen ist so wenig von dem, was ich wirklich bin, nach außen zu sehen. Was mich ausmacht, findet immer noch zu 90% in meinem Kopf statt. Das hat sich nicht geändert.

Natürlich kann ich von niemandem erwarten, diese inneren Dinge sehen oder ohne Erklärung verstehen zu können. Aber ich habe meinen Körper immer nur als Gefäß meines Geistes betrachtet. Und wenn das Gefäß als so viel bedeutender als der Inhalt wahrgenommen wird, ist es für mich befremdlich.

Ich nehme ab, weil ein gesundes Gefäß für den Inhalt mehr Reisequalität bedeutet. Das beinhaltet auch, mich optischen Normen zu beugen, um unauffälliger und damit unbehelligter zu sein. Sehe ich aus, wie man es erwartet, werde ich eher in Ruhe gelassen und kann mich auf mein Inneres konzentrieren, ohne viel Energie in die Verteidigung stecken zu müssen.

Das heißt natürlich auch, dass ich den vorherigen Zustand meines Körpers als verbesserungswürdig angesehen habe. Nicht optimal.

Und dass ich zufrieden damit bin, wie er sich verändert hat und noch verändern wird. Sich meiner Vorstellung nach und nach anpasst.

Aber es heißt nicht, dass ich nicht lieber für eine echte Leistung Anerkennung erfahren würde. Und es heißt auch nicht, dass es nicht schmerzhaft wäre, früher von meiner Umgebung als Mängelwesen betrachtet worden zu sein. Als wäre ich nun tatsächlich jemand anderer. Jemand, der den Vorzustand ersetzen musste, um anerkannt zu werden.

Ich muss noch etwas darüber nachdenken, ob das Lob nicht vielleicht auch ohne eine herabsetzende Nebenkonnotation ausgesprochen wurde. Im Moment interpretiere ich viel.

Vermutlich ist es am Besten, wenn ich warte, bis ich aus der grauen Ebene herausgekommen bin. Was, wenn ich die letzten unfreiwilligen Besuche als Maßstab nehme, mittlerweile in ein paar Tagen geschafft sein sollte.

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5 Kommentare

  1. Weißt du, ich habe vor ein paar Tagen deinen Blog gefunden und habe mich schnell und innig darin verliebt.
    Dein Post von heute lässt mich mit einem ordentlichen Kloß im Hals vor dem Rechner sitzen, weil ich viel von dem, was du schreibst, in meiner langen Auseinandersetzung mit innen/außen, eigen/fremd und dem, was mich als Person ausmacht, auch empfunden und gedacht habe.
    Genau das viele Lob über meine Abnahme (von meiner Ma) hat für mich auch die Reduktion auf die Hülle impliziert. Dann haben wir, Jahre später, als ich wieder dicker war, mal drüber gesprochen, im Zusammenhang mit Erwartungen und Enttäuschungen.
    Ich habe gesagt, dass ich so enttäuscht war, dass sich für mich nicht so viel geändert hat, dass ich ja immer noch dieselbe war. Da hat sie ganz spontan gesagt „Ja, sei doch froh.“ Ich so „wie jetzt ….?“ Dann hat sie mir gesagt, dass sie mir mit diesem Lob Mut machen wollte, weil sie gemerkt hat, dass es in mir gärt.
    Ihr war überhaupt nicht klar, dass das bei mir so anders ankommen könnte, sie wollte genau das Gegenteil erreichen, fand mich als Person sowieso in Ordnung und wäre nie auf die Idee gekommen, dass ich das anders sehe oder auf einem viel elementareren Level Bestätigung brauchen könnte.
    Mir fehlen die Schlussworte – deshalb drück ich dir die Daumen, dass schnell alles wieder ein bisschen besser zusammenpasst.

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    1. Vielen Dank für das Lob und noch viel mehr Dank für den Zuspruch!
      Vor allem ist es beruhigend, dass es noch andere Leute gibt, die ähnliche Erfahrungen gemacht haben. Und dass es dort dann „gut ausgegangen“ ist, macht die Sache noch ein bisschen besser.
      Derzeit fällt es mir noch schwer, positiv an die Sache heranzugehen – aber ich denke, dass ich in einer Woche oder so durchaus auch von der anderen Richtung denken kann.

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  2. Vor einiger Zeit las ich von einer Frau, Akademikerin, alleinerziehend, vollzeitbeschäftigt, die von ihren Kolleginnen in Grund und Boden gelobt wurde, nachdem sie stark abgenommen hatte. Das machte sie völlig fertig.
    Ihre ganzen Leistungen zählten nicht, schienen selbstverständlich, aber die neue Figur, die wurde gewürdigt.
    Ich konnte das sehr gut verstehen, und ich glaube ich verstehe auch Dich gut.
    Manchmal wird man allerdings auch gelobt, weil man etwas schafft, wovon man immer (laut) geträumt hat, oder was andeer gerne auch schaffen würden.
    Wie das bei Deiner Familie ist, kann ich nicht beurteilen. Ich hoffe sie loben Dich um Dich zu ermuntern und im Glauben, dass Du Dir mit dem Abnehmen einen echten Herzenswunsch erfüllst.
    Dass Du abnimmst um Dich gegen etwaige Angriffe besser zu schützen hat mich wirklich erschreckt.

    Die Beschreibung der grauen Ebene ist so passend. Stillhalten und funktionieren, bis sie weg ist. Ein vertrauter Zustand.

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    1. Das mit den Angriffen kann auch „gefühlte Bedrohung“ sein. Wenn ich mich weich und verletzlich fühle, habe ich das Bedürfnis, mich durch Konformität zu schützen. Das ist nicht besonders mutig. Und hat auch eigentlich keinen Auslöser – aber Angst ist nunmal das Gegenteil von Ratio.
      Zum Glück hat mir meine Ärztin mittlerweile das Rüstzeug gegeben, um in der grauen Ebene aushalten zu können. Es hilft nicht viel – aber „nicht viel“ ist furchtbar relativ. Und auch dieses Mal hat es geklappt. Irgendwann ist man durch.

      Gefällt 1 Person

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