Blutdruck und Gewicht

Seit einer Woche nehme ich jetzt keine Blutdrucksenker mehr. Gut, ich war nie besonders hart auf diesen Drogen – nur 2,5 Milligramm Amlodipin jeden Tag. Das war vermutlich fast mehr Placeboeffekt als irgend etwas anderes.

Richtig geklärt warum ich eigentlich Bluthochdruck hatte, wurde nie. Ich hatte ihn eben. Und zwar nicht zu knapp. Bei der 24-Stunden-Messung gab es mitten in der Nacht sogar einmal einen Wert über 200. Ich rannte ein halbes Jahr von Arzt zu Arzt, jede mögliche Ursache wurde untersucht – aber am Ende sagte der letzte Spezialist (der Nierenarzt): „in 95% der Fälle findet man keine Ursache“. Ah ja.

Also nahm ich seitdem brav jeden Morgen eine halbe Tablette, kontrollierte alle paar Wochen mal meinen Blutdruck und das war es dann. Ich hatte mich damit abgefunden, auf geheimnisvolle Weise nun zu den chronisch Kranken zu gehören und dort auch den Rest meines Lebens zu bleiben.

Niemand sprach mich in diesem Zusammenhang auf mein Übergewicht an. Kein einziger Arzt. Es wurde über familiäre Disposition spekuliert, mir gesagt, ich solle weniger Fleisch essen (ich war zu diesem Zeitpunkt schon länger Vegetarierin, also … nein) und dergleichen mehr. Jeder Arzt stellte mich auch auf die Waage – aber keiner sagte auch nur einen Ton.

Und letzte Woche, als ich wegen der Erkältung bei meinem Hausarzt war, fragte ich beiläufig, ob ich nun, da ich über dreißig Kilo abgenommen hätte, nicht mal auf die Blutdrucksenker verzichten könne. Und der Herr Doktor nickte und meinte, dass die nun wahrscheinlich nicht mehr nötig wären. Ich sollte das mal ein paar Wochen ausprobieren und den Blutdruck beobachten.

Was ich derzeit tue. Und es läuft! Sogar mitten in der Nacht hatte ich heute 118 zu 85. Mein Ruhepuls ist zwischen 59 und 70.

Einerseits freut mich das natürlich. Weil auch noch hinzukommt, dass ich jetzt nicht mehr so erbärmlich friere wie noch vor ein paar Wochen. Anscheinend hat das Medikament mich soweit heruntergeregelt, dass ich mich nicht einmal mehr gescheit selbst warmhalten konnte! Nicht, dass mir nicht auch jetzt immer mal wieder kalt wäre! Das konnte ich schon immer prima. Aber es ist viel weniger geworden, obwohl es draußen derzeit permanent unter Null ist.

Andererseits bin ich unglaublich wütend auf die Ärzte. Hätte man mir vor fünf Jahren gesagt „Es liegt vermutlich an Ihrem Übergewicht, nehmen sie ab und sie müssen wahrscheinlich keine Medikamente mehr nehmen“, wäre ich schon seit Jahren schlank! Stattdessen hat sich jeder um diese klare Ansage gedrückt und damit mein „Leiden“ (naja) unnötig verlängert. Und hätte ich nicht selbst beschlossen, abzunehmen, würde ich die Tabletten auch noch bis an mein Lebensende einwerfen.

Woher rührt diese Furcht der Ärzte, das Sichtbare zu benennen? Schlechte Erfahrungen mit beleidigten Patienten? Abgestumpftheit, weil die Leute eh nichts an ihren Gewohnheiten ändern wollen?

Ich jedenfalls beobachte weiter meinen Blutdruck. Und hoffe, dass er so schön bleibt!

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6 Kommentare

  1. Ach, ich weiß nicht…
    Du weißt doch bestimmt nicht erst seit letzter Woche, dass Übergewicht den Blutdruck erhöhen kann. Insofern wäre der Zorn besser auf dich selbst statt auf die Ärzte gerichtet.

    In dem Pulloverkleid siehst du übrigens ganz großartig aus!

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    1. Nein, damals war mir das absolut nicht klar. Man liest im Internet von solchen Zusammenhängen – aber erst ab morbider Adipositas und verbunden mit anderen Beschwerden, die ich nie hatte. Und da ich da natürlich weit davon entfernt war, verließ ich mich darauf, dass meine Ärzte mir alles sagen würden, das meinen Zustand würde bessern können. Vor allem, weil alle Ärzte dieses Thema trotz Wiegen völlig ausgeklammert aber jede noch so absurde „Könnte sein“-Möglichkeit untersucht haben. Mir wurde also suggeriert, dass mein Gewicht nichts damit zu tun haben könnte, da es ja kontrolliert aber nicht kommentiert wurde.
      Ich sehe da keinen Grund, auf mich zornig zu sein. Einem Arzt (und erst recht mehreren Spezialisten vom Gyn- bis Endokrinologen) gegenüber habe ich ein Vertrauensverhältnis – ich glaube das, was sie mir sagen, weil ich eben von Medizin keine Ahnung habe.

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  2. Ich glaube, manche Ärzte haben einfach Angst, dass die Patientin sich angegriffen fühlt, und gar nicht mehr zum Arzt kommt, weil der sie fett genannt hat.

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    1. Da wäre es vielleicht sinnvoll, im Studium ein paar Kommunikationsskills zu trainieren. Damit man den Patienten sagen kann, dass sie zu viel wiegen, ohne ihnen „Du fette Sau, nimm ab!!11!einself!11!!“ hinzudrücken. 😉
      Das lässt sich nämlich mit entsprechender Gesprächsführung bestimmt so leiten, dass sich niemand erniedrigt fühlen muss.

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  3. Ich glaube nicht, dass man das generalisieren kann. Meine Hausärztin hat mich, als mein Blutdruck über 135/90 ging, schon darauf aufmerksam gemacht, dass ich pro spaziertem Kilometer und pro abgenommenem Kilo zirka so und so viel Blutdruck „gewinnen“ könne.
    (mein BMI ist jedoch >35, also ist der Zusammenhang wohl ziemlich evident)

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