Soziale Phobie und Sport. Revisited. Mit Bonus-Rant: Ernährungsreligion.

Under strange skies

Wie schon öfter erwähnt – Angststörungen sind nix für Warmduscher. Und ich habe da noch das lange Ende des Strohhalms, weil erstens gut therapeutisch be-werkzeugt und zweitens schon lange nicht mehr in der Stärke, dass es lebensbedrohlich (beim Autofahren zum Beispiel) werden könnte. Aber hin und wieder erwischt es mich im Alltag doch, obwohl ich alle Vorkehrungen getroffen habe. Wobei das vermutlich gerade der Punkt von Angst ist, überraschend alle Vorkehrungen auszuhebeln … egal!

Jedenfalls tue ich gerade beim Sport alles, um Angstsituationen zu vermeiden, weil ich mir diese schöne Beschäftigung nicht negativ konnotieren möchte. Ich gehe zu wenig bevölkerten Zeiten ins Gym und habe eine Joggingstrecke, die so unattraktiv ist, dass ich sie meistens völlig für mich habe, von ein paar Random-Gassigehern einmal abgesehen.

Aber gestern … gestern trabte ich bei Kilometer drei um eine Kurve, in die von rechts unter einer Brücke hervor ein Radweg einmündet. Und da kam doch tatsächlich ein anderer Läufer her! Ein großer, schlaksiger, junger Mann mit wehendem Blondhaar. Und weil ich dummerweise ein paar Meter vorher um die Kurve kam, war er dann hinter mir!

Ich konnte seine Schritte hören. Und das hat mich völlig fertig gemacht. Ich hoffte, dass er mich überholen würde. Immerhin war er locker dreißig Zentimeter größer als ich, der sollte doch viel schneller laufen! Tat er aber nicht. Und ich konnte auch nicht langsamer machen … Weil … ging halt nicht. Das führte also dazu, dass ich mich zwei Kilometer lang kreislaufmäßig vor Panik fast überschlagen habe, bis er dann endlich, endlich abgebogen ist.

Verdammt, das war keine schöne Strecke.

Hoffentlich wird er sich nicht auf diese Runde zu dieser Zeit einschießen.

Ich jedenfalls kann jetzt zwei Abende sowieso nicht laufen, weil ich heute mit Frau Schwan Waldwandern und morgen mit dem Erklärfaun Tattoo-Termin-Shoppen gehen werde. Und am Samstag ist Gym-Cardio und am Sonntag laufe ich morgens. So dass ich ihm maximal am nächsten Montag wieder begegnen könnte. Ich hoffe doch, nicht!

Auch unangenehm: Dass ich mich zur Nervenschonung mal wieder ein wenig vom Ohne-Unsinn-Forum fernhalten muss. Ich merke, dass mir die Ersatzreligion, zu der bei manchen Ernährung geworden ist, zu anstrengend ist. Insbesondere möchte ich das positive Bild von Veganern, das T. in letzter Zeit bei mir aufgebaut hat, nicht wieder zerstören. Im echten Leben kenne ich drei Veganer näher. Zwei davon gehören zur schwer orthodoxen Sorte, blicken auf „Normesser“ herab und sind … schwierig. Keine Gabel benutzen, die mal irgendwann zum Fleischvorlegen benutzt wurde. Kein Essen auf Parties, wenn die Schüsseln mit Milchprodukten neben den veganen Sachen stehen und dergleichen Irrsinn mehr. Ja, diese Menschen sind echt und schaffen es sonst tatsächlich auch, unfallfrei einen Raum zu durchqueren.

Und dann gibt es T. Eines der Drittel von Voller Napf und K. Und T. ist anders. T. ist unkompliziert, bringt sich zur Not ihre eigene Nussbutter mit, wenn ein Frühstück im Café angesagt ist und macht kein Geschiss, wenn die Bienenwachs-Gummibärchen neben ihren veganen liegen. Kurz: T. ist cool. T. schafft es, das Bild des Veganers zu normalisieren.

Aber natürlich gibt es dann noch das Internet. Im Internet finden die gelassenen Veganer wie T. selten statt. Im Internet regieren die Polarisierer, die es in zwei Sätzen schaffen, jeden, der ihrer Sache milde positiv gegenüberstand, zu verprellen. Weil sie es nicht zulassen können, dass Menschen Dinge unterschiedlich tun. Denn sie haben Recht. Sie haben Moral. Und wenn sie die Welt nicht auf ihre Fehler hinweisen, wer dann?

Meine Ernährung ist bis auf zwei unverhandelbare Dinge vegan: Magerquark und Handkäse. Und sollte es die irgendwann mal auf vernünftig-veganer Basis geben, bin ich auch nicht dogmatisch und würde sie essen (bisher noch nicht. Ich versuche, meinen Sojakonsum in Grenzen zu halten). Soll heißen: Ich stehe Veganern so nahe, wie man es ohne komplett umzusteigen überhaupt tun kann. Und trotzdem bin ich genauso „schlimm“ wie der massentierhaltende Eierfarmer aus Niedersachsen.

Bei solchen Diskussionen wächst in mir das Verlangen, mir von meinen Elterneinheiten den G auszuleihen (16 Liter Diesel bei konservativer Fahrweise), zum Penny zu donnern und 1,99-Schnitzel zu kaufen und mir dann bei Primark für 25 Euro eine neue Garderobe zuzulegen, damit ich beim Landfrauen-BBQ auch passend gekleidet bin …

Albern und kindisch, ich weiß. Aber es ist einfach ermüdend, Diskussionen über Tierwohl mit Menschen zu führen, die noch nie auf einem Ökohof gearbeitet haben. Die noch nie eine Ziege gemolken, einem Lamm auf die Welt geholfen, ein Schaf geschoren, eine Gans geschlachtet oder überraschend ein Hühnernest in einer Pferdebox gefunden haben. Die einfach keinen direkten Bezug haben. Die glauben, künstliche Besamung wäre „Vergewaltigung“. Die glauben, dass auf Ökohöfen Lämmer von der Mutter getrennt werden. Die glauben, dass eine Ziege/Kuh nicht genug Milch für Junge und Mensch gibt. Und die ihr Wissen aus reißerischen Circlejerk-„Dokumentation“ beziehen. Aber seltsamerweise kein Problem damit haben, überzüchtete Haustiere 23 Stunden am Tag in ihrer Wohnung zu halten.

Wie gesagt – ich brauche etwas Abstand. Ich bin zu emotional. Und ich bin der Meinung, dass der Mensch erstens ein Jäger ist (unter anderem, aber eben nicht wegzudiskutieren, was man an Jagdwerkzeugen und Knochen gefunden hat. Über Jahrzehntausende hinweg!) und zweitens darin so gut, dass er es zu Recht an die Spitze der Nahrungskette geschafft hat. Der Mensch ist ein verdammt wüstes Mistvieh – da kann sich jeder Xenomorph eine Scheibe abschneiden. Wir heilen Verletzungen weg, an denen jedes andere Säugetier sterben würde, wir entwickeln miese Rudeltaktiken, wir vermehren uns zügig, wir können einen Großteil unseres Blutes verlieren und es überleben, jedes unserer Körpersekrete ist potentiell schädlich, unser Biss ist infektiös, wir sehen in einem extrem breiten Farbspektrum, wir haben frontal angeordnete Augen, wir haben das Potential zu tagelanger Ausdauerjagd … was braucht man noch zu wissen? Ja, der Mensch hat das Evolutionslotto gewonnen. Und damit das Recht, alles aufzuessen, was er möchte.

Dass man das aus einem ganz anderen Grund aber nicht tun sollte, ist klar! Denn der Faktor „Hirn“ hat uns wegen der Rudelsache eben auch „Moral“ und „Voraussicht“ gegeben. Und die sind wir verpflichtet, einzusetzen. Ganz egoistisch dafür, dass unsere Welt lebenswert bleibt. Nicht nur nach dem Nützlichkeitsprinzip.

Fakt bleibt: Wir sind Predatoren. Aber eben nur – unter anderem!

Habe fertig.

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13 Kommentare

  1. Solche Leute kenne ich auch, also diese Hardcore-Veganer. Ich bin zwar Omnivore, esse aber wenig Fleisch. Aber das Diskussionsverhalten mancher Mitmenschen führt bei mir dazu, umgehend Heißhunger auf ein möglichst blutiges Steak zu entwickeln. Ich will meine Zähne dann vor deren Augen in das Steak schlagen. Und dabei knurren.

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    1. Die Waldnymphe hat die Theorie, dass diese Veganer so geworden sind, weil sie zu oft mit ihrer Ernährung aufgezogen worden sind, sozusagen die Schnauze so voll haben, dass sie gar nicht mehr anders können, als aggressiv zu sein.
      Keine Ahnung, ob das stimmt. Aber da anscheinend jeder mindestens einen von „der Sorte“ kennt, könnte etwas dran sein!

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      1. Naja, aber aufgezogen werden viele Menschen mit vielen Dingen – deshalb liegt es trotzdem immer noch in der eigenen Verantwortung nicht zur unhöflichen Diva zu mutieren:D

        Allerdings fand ich gerade im o.U.-Forum die Veganer sehr angenehm..hat sich das so gewandelt die letzten Wochen? (Da war ich kaum da)

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        1. Das generelle Klima ist immer noch angenehm. Aber ich habe auch wenig Schnittmenge mit dem veganen Bereich, weil ich den maximal besuche, um mir Alternativen zu Ei beim Backen zu suchen.
          Ist halt vermutlich ein Fehler, potentiell emotional aufgeladene Themen im Internet diskutieren zu wollen. Thread wurde dann auch sehr zügig geschlossen (meiner Meinung nach zu zügig – aber die kennen vermutlich ihre Pappenheimer und wollten Anfängen wehren oder so).

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  2. Ich habe diesen Thread gelesen, und, glaub mir, auch andere omnivore Gemütsmenschen mit gewisssen Bullshit-Schwielen kriegen da schwer Kreislauf. Darum war ich eigentlich ganz froh, dass da schnell der Deckel drauf war.

    Meine Fresse.

    Aber ich bin auch n Dorfkind, what do I know…. und würde nicht ohne Honig, Käse und vor allen Dingen Wolle, Leder, Seide und Kaschmir leben wollen – ohne die wäre mein Leben jedenfalls verdammt arm und unsinnlich.

    Ich hab mich über deine Posts gefreut, sehe vieles ähnlich und manches anders, aber die Punkte Leben und Leben lassen und das Recht auf private Entscheidungen, die sehe ich ganz genau so.

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      1. Mich stört einfach dieser Anspruch, aus einer persönlichen Entscheidung das Wohl und Wehe der Welt abzuleiten. Die Verwechselung von Wirtschafts- und politischem System. Die willkürliche Einteilung von „wichtig“ und „unwichtig“…
        Naja, is durch. Und schade, dass es immer so eine negative Außenwirkung hinterlässt. 😦

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  3. Ich bin vollinhaltlich bei Dir.
    Und ja, ich esse gerne Fleisch. Und ich rechtfertige mich nicht dafür. Ich bin auch in der Lage, diesem Lebewesen mit eigenen Händen das Leben zu nehmen, es zu töten.
    Und da liegt für mich der Unterschied. Ich rede nicht wie der Blinde von der Farbe. Ich weiß, was es bedeutet, ein Huhn, eine Ente, Gans, ein Kaninchen, ein Ferkel, Kalb, Pferd… großzuziehen. Ihm ggf. auf die Welt zu helfen. Es zu hegen und pflegen. Und es dann irgendwann zu töten und zu essen.
    Und ja, ich wurde wegen des Kommentars im Forum abgemahnt. Isses mir wert.
    Und deswegen hab ich mir heute ein neues Sparschwein (!!) gekauft. Ok, es hat die Form eine Ente. Aber Ente und Schwein = beides nicht vegan. ;o)

    Und nachher gibts Steak. Hieß Tessa. War ein Galloway. Total niedlich. Hatte ein gutes Leben. Und ihr letzter Liebesdienst an die, die sie großgezogen haben, wird ein gutes Steak sein.

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    1. Genau das. Viele Menschen sind so weit von der Erzeugung ihrer Nahrung entfernt, dass sie gar nicht anders können, als ein seltsames Verhältnis dazu zu entwickeln. Wenn man damit aufwächst, dass im Fernsehen Tiere bis zum Exzess verniedlicht und vermenschlicht werden, hat man das irgendwann eben drin. Und dann kommen noch Vollspacken wie PETA und tun so, als wäre jedes Menschenleben auf Erden nichts wert … Kognitive Dissonanz incoming!

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