Weniger

Selbstbestimmtheit und Selbstverantwortung

Falcons

Auch wenn ich in glücklich-theoretischen Kaffeehausdiskussionen meist mehr auf der Seite Gerechtigkeit als der Freiheit stehe (wenn man die Beiden als Gegenpole betrachtet), so gehe ich grundsätzlich schon mit den Worten des unsterblichen Ron Swanson d’accord: Give a man a fish and you feed him for a day. Don’t teach a man to fish, and you feed yourself. He’s a grown man. Fishing’s not that hard.

Im übertragenen Sinne habe ich gerade so eine Situation, in der ich nicht auf Ron gehört und versucht habe, einem Mann Angeln beizubringen und nun ärgere ich mich, weil er es offenbar gar nicht wirklich lernen wollte und ich in der investierten Zeit besser für mich selbst Fische gefangen hätte.

Konkreter: Ich wurde aktiv nach Hilfe beim Abnehmen gefragt. Ich habe also eine Liste von nützlichen Websites und Apps zusammengetragen, habe lange Mails über Makro- und Mikronährstoffe geschrieben, habe alles zu CICO verlinkt und war ganz begeistert, dass jemand etwas für seine Gesundheit tun wollte. Vor allem, weil Abnehmen auch bei Depressionen helfen kann (nicht muss). Und ein sich-Aufraffen schon zeigt, dass der Weg der Besserung in Sicht ist.

Ach, was war ich naiv.

Abnehmenwollen ist eine Sache. Dann feststellen, dass man dann auch seine Essgewohnheiten umstellen und statt stundenlangem Zocken mal ein bisschen Sport einlegen sollte, eine ganz andere. Und da hörte der Enthusiasmus schlagartig auf.

Natürlich schuldet mir niemand, dass er von mir erbetene Ratschläge auch befolgt. Wäre ja absurd. Aber es ist schon traurig zu beobachten, wie die ganzen Ausreden lehrbuchmäßig abgespult werden. Von „ich habe noch Schokolade da, die muss ich erst aufessen“ über „ich esse ja kaum noch was“ (auf die Frage „trackst du das denn?“ – „Nein, ich esse halt weniger“) bis hin zu „das gesunde Zeug ist so teuer …“ kam der ganze altbekannte Sermon.

Und keine der empfohlenen Websites oder Apps wurde auch nur geöffnet.

Ich kann’s nicht ändern. Und ich sollte es langsam besser wissen.

Also kämme ich mal meinen eigenen Igel weiter (Stress, Stress und Bonusstress plus Wassereinlagerungen sogar an Handgelenk – merkt man am enger scheinenden Imperator – und Füßen. Eklig!) und werde in Zukunft weniger Energie in anderer Leute Probleme investieren, wenn ich aus vergangenen Erfahrungen schon ableiten kann, dass auch diesmal keine wirkliche Bemühung erfolgen wird.

Jetzt auf ins Wochenende. Vampirezocken, Qualitätsfreitag mit Spinat-Pide (tausend Kalorien dafür eingeplant).

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Arme, Bagel, Cat-Content – Zurück aus Prag

Bunt wie Macarons: Renovierte Jugendstilschönheiten.

Was für eine Woche! Was für ein wundervoller Urlaub! Ich bin sehr begeistert und noch ganz besoffen von den vielen Eindrücken. Und weil ich das ganze sowieso nicht in einen gescheiten narrativen Fluss bringen kann, werde ich es in Stichpunkten abhandeln.

Vorwegbemerkung: Entweder lügt mein Imperator wie gedruckt oder ich werde nun langsam Opfer des in-die-andere-Richtung-Verschätzens. Meiner Meinung nach habe ich jeden Tag in Prag lockere dreitausend Kalorien verzehrt (die böhmische Küche rangiert in Sachen Fettigkeit nur knapp hinter den Inuit). Ich habe an einem Tag ein halbes Rosinenbrot (kein Brötchen!) mit Butter gegessen. Und das war nicht alles. Bagel mit Frischkäse, Pflaumenknödel mit Lebkuchenbröseln, Buchteln mit Pflaumenmus, Schokoladentartes, eimerweise Pumpkin Spice Latte, massenweise Kaffee mit Sahne, Stangenbrot mit Butter, zwei Trdlnik (das ist – vermutlich, ich kann kein Tschechisch – die Mehrzahl von Trdlo, süßem Stockbrot) mit Nutella und ohne … und dabei hatte ich keinen Sport und nur jeden Tag 15.000 bis maximal 23.000 Schritte. Trotzdem habe ich kein Gramm zugenommen. Klar, wir haben das Abendessen meist selbst gekocht (eine Ferienwohnung ist nicht nur günstig, sondern hat auch den Vorteil einer Küche) und ich habe wie üblich statt Frühstück nur Grüntee gehabt – aber das kann’s theoretisch wirklich nicht sein. Irgendwas bleibt da sehr mysteriös!

Im Gegensatz zu Paris hatte ich aber nicht das geringste Problem, immer etwas Vegetarisches auf Speisekarten zu finden. Klar, meist ein wenig versteckt und selten mehr als zwei, maximal drei Sachen – aber trotzdem war ich glücklich. Und die ganzen Süßspeisen waren ja sowieso vegetarisch. In Böhmen ist man sehr, sehr stolz auf seine süßen Dinge. Sie sind auch nett. Nicht so umwerfend, wie einem vorher die Erwartung hochgejubelt wird, aber eben nett und lecker. Und mächtig. Ziegelsteine zu essen wäre oft die leichtere Alternative.

Diese Pflaumenknödel auf Frischkäsebett habe ich im Café Savoy gegessen.

Aber jetzt auf nach Prag! Was ist mir also so im Gedächtnis besonders hängengeblieben …

  • Jugendstil. Überall. Zumindest auf einer Flussseite. Unterschiedlichste Stile. Vom überladen-süßlichen bis zu den wunderschönen klaren Linien der späten Phase. In den buntesten Farben. Als ich vor zwanzig Jahren mit der Schule in Prag war, war dort alles grau und heruntergekommen. Es stank nach Kohlenrauch und die Häuser waren üble Ruinen. Jetzt ist die Stadt herausgeputzt und wunderschön. Die EU und ihre Förderungsgelder sind eine gute Sache und wer etwas anderes meint – fight me!
  • Asiatische Touristen zerfallen in zwei Kategorien. (Achtung – unmögliche Verallgemeinerungen incoming!) Japaner sind schlank, höflich, korrekt gekleidet, leise. Chinesen haben dicke junge Frauen dabei, sind schrill, teuer und geschmacklos gekleidet (sehr teuer! Immer Designerzeug, immer Glitzer, immer bunt), haben mehr Geld als Benehmen und sind wirklich, wirklich laut und unhöflich. Im Ernst – zwei Drittel aller chinesischen Touristen unter dreißig sind übergewichtig bis adipös. Die haben Europa und Amerika rechts überholt, was das angeht. (Die Tschechen sind aber auch proper. Würde sagen, im Schnitt schon echt dicker als die Leute in Deutschland … )

Blick vom Prager Riesenmetronom. An dessen Stelle früher eine Stalinstatue stand.

  • Der Veitsdom rangiert unter den Top Five meiner persönlichen Liste „hässliche Sakralbauten Europas“. Der Erklärfaun meinte sehr weise zum Vitus-Altar „Sieht aus wie ‚Barock designed by Harald Glööckler'“. Ich mag den Eklektizismus der Prager Burg gar nicht. War definitiv mein Reisetiefpunkt. Hingegen fand ich das Barockviertel Mala Strana wunderschön. Weil eben … Barock. Und kein gefrankensteintes Teilemonster.

Der Wallensteingarten in Mala Strana. Der Mann hatte große Freude an Herakles und seinen Taten, wie man sieht.

  • Man kann in Prag sehr zufällig über berühmte Dinge stolpern. Am Freitag hatten wir „getrennte Wege“-Tag und ich wackelte im Barockviertel herum. Wurde auf eine Basilika neugierig, ging hinein und stand vor dem Kind von Prag. Das hatte ich auf meiner „kann man angucken, muss man aber nicht“-Liste, weil es in T.H. Whites Buch „The Elephant and the Kangaroo“ eine amüsante Nebenrolle spielt. Ich liebe das Buch sehr.
  • Wenn man sehr früh unterwegs ist, kann man im Mucha-Museum tatsächlich noch die Bilder betrachten. Aber etwa eine Stunde nach Öffnung ist nichts mehr zu wollen, „g’schdobbde“, wie man bei uns sagen würde – man sieht vor Besuchern den Boden nicht mehr. Der Mann hat aber auch sehr Dekoratives geschaffen. Schade, dass sie sich in der Sammlung auf die Pariser Jahre beschränkt haben. Mich hätten die Märchenillustrationen mehr interessiert. Aber die Vorzeichnungen zu den Plakaten zu sehen war sehr schön und beruhigend. Er hatte auch Probleme mit Händen. Wie jeder einzelne fucking Maler/Illustrator auf der Welt.

Cat-Content. Diese hübsche Katze saß im hintersten Eck des untouristischen Teils des Burgviertels.

  • Am Allein-Wander-Tag wurden die Waldnymphe und ich unabhängig voneinander mehrfach für Einheimische gehalten. Bei mir lag es definitiv daran, dass ich unbewussterweise die Standarduniform tschechischer Frauen eingepackt und angezogen hatte: Kniehohe Stiefel, Thermoleggins in Schwarz, kurzer Rock, kurze Jacke. Ich ging dort absolut in der Menge unter. Und habe dann russischen Touristen die tschechische Beschriftung der Uhuvoliere im Wallensteingarten ins Englische übersetzt, ohne ein Wort Tschechisch zu sprechen. War aber leicht zu erschließen, um was es ging. Etwas Geschichtswissen und fertig ist die Laube. Nur das englische Wort für Uhu ist mir partout nicht eingefallen. Ich machte Öhrchen mit den Fingern und sagte „big owl“, was am eigentlichen „eagle owl“ schon nahe dran war.
  • Ich bin glücklich, gar nichts gekauft zu haben. Außer eine Starbucks-Riesentasse, weil die Tässchen in der Ferienwohnung zu klein für meinen morgendlichen Frühstücksteebedarf waren. Dann noch einen Kühlschrankmagneten mit Mucha-Motiv für Frau Schwan als Mitbringsel und zwei Kleiner-Maulwurf-Überraschungseier (ja, die gibt’s da!) für Kollege M. und seine Patentochter. Haben die Rückreise auch fast unbeschädigt überstanden.

Der „unendliche“ Büchertunnel in der Nationalbibliothek. Ist eine mittels Spiegeln erzeugte Illusion und „in echt“ nur vier, fünf Meter hoch aber schon toll.

  • Im Zoo gab es wunderbar relaxte Wölfe und fünf Gepardenjunge. Und zwei hochaktive Honigdachse. Allein dafür hat es sich gelohnt, dort einen halben Tag zu verbringen. Die Przewalski-Pferde, für die ich eigentlich in den Zoo wollte, waren dann eher unspektakulär.

Der Arm. DER Arm. Der ARM.

  • Der Arm. Der mumifizierte Abschreckungsarm. Ich habe ihn tatsächlich gesehen. Ihn zu finden war gar nicht so einfach! Klar, St. Jakob liegt schön mitten in der Stadt, vom Wenzelsplatz, wo unsere Ferienwohnung lag (zentraler geht wirklich kaum!), zehn Minuten zu Fuß, wenn man langsam geht. Aber aus mir unerfindlichen Gründen wurde in der Kirche selbst null und gar nicht auf diese Attraktion hingewiesen! Kein Schild, keine Beleuchtung, keine Absperrung … nix! Mit mir zusammen waren noch etwa zwanzig andere Besucher in der Kirche, betrachteten alles Mögliche, wurden herumgeführt … und der Guide ignorierte den Arm völlig! Ich habe das Ding auch nur deshalb gefunden, weil ich im Internet Bilder davon gesehen hatte und deshalb eine ungefähre Vorstellung davon hatte. Verdammt, Prag sollte auf diese Attraktion echt deutlicher hinweisen. Da lässt sich doch auch Kapital draus schlagen. So spontan würden mir Schlüsselanhänger und gebrandetes Beef Jerky einfallen.
  • In den entzückend trashigen Alchemie- und KGB-Museen war ich dann doch nicht. Da schreckten mich die Menschenmassen ab. Gegen Ende der Woche habe ich echt viel getan, um möglichst unbegangene Wege zu finden, weil meine soziale Angst mir schon jeden Morgen ein paar Minuten bescherte, in denen ich Atem- und Achtsamkeitsübungen machen musste, um keinen Hassanfall zu bekommen. Hassanfälle sind ein für mich sehr präsenter Teil der Angsterkrankung. Dann habe ich ein unglaubliches Beklemmungsgefühl und mir ist körperlich übel, weil ich mich, meine Umgebung, mein Leben und jeden Menschen auf der Welt so sehr hasse, dass ich Gewalt erwäge. Im Urlaub keine gute Sache. Und wird von zu großen Menschenmengen ausgelöst, denen ich nicht verlässlich aus dem Weg gehen kann.
  • Generell war es so, dass man als Fast-Einwohner von Heidelberg ein sehr heimatliches Gefühl hatte. Der selbe Touristen-Nepp, die selben Menschenströme, die sich zehn Meter außerhalb der ausgetretenen Pfade sofort auflösen, die selben wunderschönen Ecken, wenn man sich etwas wegbewegt.
  • In der Alt-Neu-Synagoge waren wir nicht, ich musste die Ruhestätte des Golems von Außen betrachten. Ich habe sowieso nur drei Sakralbauten besucht. Irgendwie beeindruckt mich das Meiste davon nicht besonders. Vermutlich weil ich mit dem Speyrer Dom das Schönste dahingehend praktisch vor der Haustür habe. Ja, da bin ich voreingenommen. Das jüdische Viertel haben wir gar nicht gefunden. Zumindest nicht bewusst. Zwar drei Synagogen aber irgendwie kann es das doch nicht gewesen sein – die drei, vier Straßen? Seltsam! Aber Cafés mit Bageln.
  • Die Waldnymphe hat sich im Louis-Vuitton-Flagship-Store eine Reisetasche gekauft. Ich war unpassend gekleidet (Lederjacke, Hoodie, Stiefel) und durfte deshalb so tun, als sei ich ihr Bodyguard. Ich habe meinen Zeigefinger ins Ohr gesteckt und mit meinem Ärmel geredet. Das hat mir Spaß gemacht. Und gelangweilt habe ich mich auch nicht, weil es der einzige Ort in Prag mit gutem WLAN war. Echt jetzt – wer Deutschland für Internet-Entwicklungsland hält, war noch nie in der Tschechei! Nur in den größten Hipsterställen freies WLAN und das in einer Qualität wie in Meck-Pomm.
  • Ich habe in Prag praktisch keine Fahrradfahrer gesehen. Verständlich – würde ich dort auch nicht machen. Trotz überall Zebrastreifen wurde ich mehrfach fast umgebügelt. Sehr aggressive Autofahrer. Gab auch kaum Jogger – die wurden wohl auch schon alle plattgefahren. Hingegen waren U- und Straßenbahn gut frequentiert, perfekt getaktet und immer noch so nützlich, wie ich es von der Studienfahrt in Erinnerung hatte. Immer noch gibt es nur drei U-Bahn-Linien – aber die reichen erstaunlicherweise völlig! Alle drei Minuten eine Bahn. Klasse Sache. Und billig! 24 Kronen, also etwa ein Euro, für eine dreißig-Minuten-Karte. Und auch die monströsen Rolltreppen zu den tieferen Linien, an die ich mich mit großer Liebe erinnert habe, waren noch da. Nur der damals sehr präsente Geruch nach Hundescheiße und Vanille, der das gesamte Netz durchzogen hatte, war weg. Nicht, dass ich mich darüber beschweren wollte … Hunille war eher eklig, so als Gesamtaroma.

Jetzt habe ich vermutlich die Hälfte aller interessanten Erlebnisse vergessen und muss sie in den nächsten Tagen nachreichen. Zusammenfassend auf jeden Fall: Toller Urlaub, tolle Stadt, tolle Begleitung.

Vorbereitungen und Hungerzeiten

Let's go, it is closing time.

Diese Woche ist terminlastiger und anstrengender, als ich gedacht hatte. Nicht einmal zum Sport bin ich gestern gekommen, weil ich abends losmusste, um mir einen Koffer zu kaufen. Für den Urlaub. Am Montag. Weil ich keinen Koffer besitze. Ernsthaft. Nie gehabt. Alle meine Reisen fanden bisher entweder – wenn es sich um „normale“ Urlaube handelte – mit einer größeren Sporttasche und einem Rucksack oder – im Falle von LARP und Mittelaltergedöhns – einem riesigen Leder/Fell-Monstrumsrucksack statt. Koffer waren mir fremd.

Aber langsam erkenne ich die Vorteile. Besser stapelbar, ob im Auto oder im Zug. Besser befüllbar, weil man nicht stopfen muss. Und natürlich kommen die Klamotten auch weniger knüddelig am Zielort an. Von daher – Hurra für Koffer. Mit vier Rollen und Handgriff. Wie so `n Profi! Er ist Größe „M“ und türkis. Geht definitiv nicht in der Menge verloren. Und „M“ ist groß genug, dass ich mich vermutlich fast selbst darin verstecken könnte.

Weitere Vorbereitungen waren der Kauf von zwei Thermoleggins (das Wetter in Prag nächste Woche klingt bedrohlich. Böiger Wind, unter eine Stunde Sonne pro Tag, ergiebiger Regen, maximal 14 Grad …) und eines Herbstrocks. Das Mitnehmen von anderen Schuhen als Stiefeln kann ich mir vermutlich sparen. Aber Ersatzstiefel, weil man die wahrscheinlich immer abwechselnd einen Tag lang trocknen muss. Tja.

Ich arbeite weiterhin an meinem Defizit für den Urlaub. Läuft gut. Und ich lerne nach der ganzen Zeit immer noch neue Dinge über meinen Körper. Jetzt habe ich herausgefunden, wann meine Hungerhormonzeiten jeden Tag so sind. Sind das meine Ghrelin-Peaks?

Ich habe jeden Tag morgens um kurz vor sechs (Fahrt zur Arbeit) Hunger. Aber das ist vermutlich eher fehlinterpretierter Durst, da ich dann noch nichts getrunken habe und der Hunger nach ein paar Schluck Wasser verschwunden ist.

Um halb elf kommt dann richtiger Hunger. Aber da ich erst um eins esse, wird der nicht weiter beachtet. Eine Tasse Tee oder Kaffee hilft, weil Koffein schließlich appetithemmend wirkt. Dann wieder um kurz nach vier, wenn ich nach Hause fahre. Da muss ich es auch wegignorieren, weil ich schließlich erst um sechs essen möchte. Und es auch sehr unwahrscheinlich ist, dass ich nur drei Stunden nach einer Mahlzeit schon wieder Nährstoffe brauche. Reine Hormonsache eben. Und so ein Hungerschub wird auch nicht schlimmer, sondern verschwindet bei Nichtbeachtung. Besonders gut zu beobachten, wenn ich nach Hause komme und direkt Laufen gehe. Dann ist der Hunger schon kein Thema mehr, wenn ich die Sportklamotten anziehe.

Vermutlich war einer der Gründe, dass ich dick geworden bin, dass ich diesen Hungerreizen nachgegeben habe, ohne sie zu hinterfragen oder zu beobachten. Kurzschlussreaktion „Hunger = Essen“. Intuitives Essen ist also, wenn überhaupt, nur mit stetiger Selbstbeobachtung und gründlicher Analyse möglich.

Es ist schon so, dass es definitiv Hunger und nicht nur Appetit ist. Aber es ist eben ein Hunger ohne wirkliche Basis, könnte man sagen. Zeitlich sind die drei Hungerphasen nicht mit Nahrungsaufnahme oder Fastendauer zusammenhängend. Von daher weiß ich auch nicht, was meine Hormone da reitet. Zumindest ist es aber konsistent und man kann fast die Uhr danach stellen. Hat auch was für sich.

Herbstessen, Herbstsport, Herbsthektik

Backalley fun

Es ist jetzt so kalt, dass ich heute Morgen das erste Mal die Heizung im Bad angeschaltet habe. Vor lauter Freude und Diensteifer hat sich das gute Stück fast überschlagen und trotz dass ich es nur auf drei hatte, war innerhalb von zehn Minuten das ganze Bad warm. Ist jetzt auch nicht so arg groß, war aber dennoch angenehm.

Ja, Zeit für warme, kuschlige Dinge. Zeit, heute Abend beim Qualitätsfreitag (so nennen wir unsere zu-dritt-auf-der-Couch-einen-Berg-bilden-Feierabende) eventuell schon die Vampirdecke (die Heizdecke, deren wohlige Wärme einem jeden Lebenswillen aussaugt) herauszuholen.

Und Zeit für herbstliches Essen. Wren hat einen interessanten Auflauf gepostet. Ich habe noch mallorcinischen Honig, den mir Kollege M. aus dem Urlaub mitgebracht hat. Der könnte sich gut dazu machen. Oder Kürbissuppe. Ich habe noch nie welche hergestellt, aber genug davon konsumiert um mir zuzutrauen, dieses Mana der Götter auch einmal selbst zu basteln. Ich würde einen Kürbis und ein, zwei Kartoffeln kleinmachen und in Gemüsebrühe kochen, dann pürieren und Salz, Pfeffer, Ingwer, Muskat und etwas Joghurt dazugeben. Klingt sinnvoll. Ich sollte also besser heute zwei statt nur einem Kürbis kaufen.

Sportlich gesehen ist mein Körper derzeit gewaltig am rödeln. Ohne mein Zutun. Also … ich tue schon etwas. Ich mache eben Sport. Aber den Umbau nimmt der Körper unabhängig davon vor. So erscheint es mir jedenfalls. Denn auch wenn ich kein Gramm abnehme (oder kaum. Geringe Fluktuationen), was in Anbetracht der Tatsache, dass ich Pi mal Daumen Erhaltung esse, nur natürlich ist, so verändern sich doch meine Proportionen. Die Thigh Gap wächst – obwohl es ja noch keine wirklich ist, da noch nicht von ganz oben bis ganz unten, sondern nur von ganz oben so fünf, zehn Zentimeter nach unten. Die Brustmuskulatur wird definierter – ich habe neulich erst festgestellt, dass das über dem Brustansatz gar keine sichtbaren Rippen sondern Muskulaturstränge über Rippen sind! Die Trizeps werden gerundeter. Meine Waden werden auch nicht dünner … Das ist schon interessant. Und versöhnt mich damit, dass meine Omron kaputtgegangen ist und den KFA nur noch im Unterkörper misst, was mir einen sieben-Prozent-Sprung nach oben eingebracht hat. Mein Restfett sitzt nunmal an den Oberschenkeln. Blödes Waagengerät. Teurer Scheißdreck, der nur ein halbes Jahr hält. Kauf ich mir nicht nochmal, da lasse ich lieber im Gym kontrollieren.

Und die Hektik? Die ist gar nicht so furchtbar schlimm und nur beruflich. Wir sind nämlich mittlerweile so gut, dass wir drei Monate vor der Zeit liegen und deshalb Abgaben anstehen, die sonst noch Zeit hätten. Was etwas unglücklich mit den Vorbereitungen für die weltgrößte Consumermesse der Branche zusammenfällt. Ich habe also viel zu tun und keine Mittagspausen, um mal bei ein paar Bildern für mich oder Freunde zu entspannen. Aber das geht vorbei. Deadlines laufen in den nächsten drei Wochen und danach sollte das Fahrwasser etwas ruhiger werden.

Eitelkeit, Sport, Ärzte, Muskeln und Nicecream

De immortales nil nisi bene ...?

So viele Dinge! Am besten rolle ich alles von hinten auf. Die Nicecream war ein absoluter Erfolg. Großartig. Umwerfend. Begeisternd. Noch-mehr-Superlative. Gar-nicht-genug-der-Superlative! Im ernst – ich hätte das viel früher ausprobieren sollen. Es hat wundervoll geschmeckt. War nur viel zu wenig. Und für ein gutes Foto hätte ich es nochmal kurz einfrieren müssen, was ich nicht wollte. Ich wollte aufessen. SOFOAAT!

Mein Rezept war: Eine kleingeschnittene, gefrorene Banane mit zwei Löffeln Hafermilch, einem Teelöffel Instant-Kaffeepulver, einem Teelöffel Backkakao, ein paar Tropfen Bisquit-Flavdrops und etwas Süßstoff pürieren. Mein Pürierstab lief zwar elend heiß … aber das war es wert! Ich brauche mehr Bananen, die ich braun werden lassen und einfrieren kann. Mehr Nicecream! Hey, eine Portion Eis für 150 Kalorien. Kann man nicht meckern!

Vom Essen zum Verbrauch. Ich hatte gestern Traumzeiten beim Laufen. Meine beste Runde war eine glatte 5:00. Ich sehe Fortschritte! Und messen kann ich sie auch. Mit Marcs neuem Muskelanteilrechner. Der mit eine Achtzehn-Ebbes ausgespuckt hat, was mich vielleicht noch nicht zum She-Hulk macht, aber mir bescheinigt, dass ich in die richtige Richtung unterwegs bin. Die „-Ebbes“ gebe ich mir, weil die Körperfettwaage etwas inkonsistent ist. Ich bin irgendwo im Niemandsland von 22 bis 24% unterwegs, je nach Tagesform.

Härtere Fakten liefert meine Ärztin, bei der ich gestern zur Krebsvorsorge war. Die musste nämlich von Tast- auf Ultraschalluntersuchung ausweichen, weil, ich zitiere: „Ihre Bauchmuskeln sind zu fest“. Außerdem sagte sie, ich wäre seit dem letzten Besuch drahtiger geworden, was ich zwar nicht ganz glauben kann, mir aber dennoch schmeichelt. Und sie vertraute mir an, dass sie sich für etliche Patienten wünschen würde, dass sie auch abnehmen. Aber die meisten scheuen den Hunger, der eben damit verbunden ist. Klar, das ist nicht angenehm. Und Abnehmen ohne Hunger läuft halt nicht. Weil … CICO. Aber dass ein Hüngerchen auszuhalten nicht die Welt untergehen lässt, haben viele Menschen verlernt. Weshalb die Vorstellung, das über einen längeren Zeitraum „ertragen“ zu müssen, die Leute vom Abnehmen abschreckt.

Mag bei mir aber auch etwas Anderes sein, da ich eine fatale Neigung zu dramatischer Selbstkasteiung und demonstrativem Leiden habe. Weshalb die Abnahme natürlich genau in die richtige Kerbe hauen konnte. Seht die düst’re Dame in rotem Samt. Die große Primadonna. Sie hat wohl viel gelitten. Muminzitate rocken das Haus.

Die schärfsten Kritiker der Elche … Oder: Bodyimage und Chili

Maelstrom of time
Gestern war ich im Prollo-Kaufland, um mir gefrorene Bohnen (danke, Mrs. Flummi!), Handkäse und grünen Tee zu kaufen (typischer Einkauf der Champions. Oder so). Und dabei fiel mir meine missgünstige Grundhaltung auf. Früher waren mir dicke Menschen völlig egal. Habe ich gar nicht wahrgenommen. Grundrauschen beim Rausgehen. Völlig normal. Heute vergleiche ich. Und zwar nicht „bin ich auch so dick?“, sondern „war ich auch so dick?“. Es ist, als würde mir das Bild meines früheren Körpers langsam entgleiten und ich würde eine Art nickligen Eifer entwickeln, mir das ehemalige Desaster immer wieder vor Augen zu führen. So etwas kann nicht besonders gesund sein. Dass es den anderen Leuten gegenüber low key-gemein ist, kommt hinzu. Wobei ich es ja niemandem sage. „Guten Tag, mein Name ist MME Graphisme, ich war auch mal so dick wie Sie. Oder fast. Oder etwas mehr. Ich bin unsicher. Wie viel wiegen Sie?“. Aber gut für Seelenhygiene und Karma ist es nicht.

Ich muss an meinem Bodyimage arbeiten. Sollte ich sowieso, nachdem ich so sehr über „coming out as fat“ gezürnt habe. Der neueste Schwachsinn, mit dem sich die Fat Activists bei den Oppression Olympics bessere Startplätze sichern möchten. „Seht her, wir sind so schlimm dran wie die queere Community! Aber wir sind mutig und outen uns jetzt als fett!“. Alter … „coming out“ beinhaltet doch schon, dass man das erstens jemand anderem gegenüber tut und es zweitens etwas ist, das vorher nur innerlich war. Und ich kann’s mir auch lebhaft vorstellen. Ist bestimmt so schwierig wie für G., der seinem hochaggressiven Vater als Teenager gestand, schwul zu sein. Oder als ich meine Freundin zum Geburtstag meiner Mutter mitbrachte. Oder als H. ihren Job beim Bund verlor, weil sie trans ist (mittlerweile ist das ja besser geworden. Zum Glück!). Aber klar – „Mutti, ich habe etwas Wichtiges zu sagen: Ich bin fett!“ spielt sicher in der gleichen Liga. Besonders, weil man in vielen Ländern ja auch noch dafür verfolgt wird und in Russland als Übergewichtiger keinen Führerschein machen darf, weil das als Geisteskrankheit gilt. Äh. Nicht.

Es ist wirklich wie überall – die Extremisten sind am sichtbarsten und schaden der Sache am Meisten. Und ich als Ciswhite Ablebodied Shitlord gehe jetzt besser meine Privilegien checken, ne?

Aber ich sollte vor der eigenen Tür kehren und erstmal daran arbeiten, mit mir selbst zurecht zu kommen. Das ist Arbeit genug, bei meiner ganzen Paranoia bezüglich Nahrung und Bewegung! Für’s Wochenende habe ich mir wieder viel von Beidem vorgenommen. Wieder ein Eis für mich, dafür dann die gestern, heute und morgen gesparten Kalorien (werden etwa tausend zusammenkommen) plus einer Radtour in die große Stadt (ungefähr 500 Kalorien) und alles ist gut. Richtig trainieren kann ich immer noch nicht, da die Erkältung sich hinzieht. Das nervt. Ohne Sport werde ich grantig, ungesellig und nach und nach immer unausstehlicher (Nein! – Doch! – Oh!)

Und dann die Sache mit dem Chili … Ich glaube, ich werde das Ganze mit 500 Gramm passierten Tomaten und 300 Gramm Zucchini strecken und auf zweimal essen. Das sind dann knapp 500 Kalorien pro Portion. Zwar immer noch etwa 50 mehr, als ein „normales“ Abendessen, aber das ist verkraftbar. Hey – Chili!

Zählt definitiv für die Culinary Diversity-Wölfe.

Was auch zählen könnte ist mein Grüner-Tee-Experiment. Statt meines Kaffeedarstellers habe ich mir heute den allenthalben schwer gelobten grünen Tee mit in die Firma genommen. Wie im Internet gelesen zweieinhalb Minuten ziehen lassen, damit er anregend wirkt (scheint zu klappen) und meine übliche Menge an Flavour, Mandelmilch und Süßstoff reingekippt. Und ich gebe zu … ich habe das mit den Bitterstoffen überschätzt. Verträgt durchaus etwas weniger Süße. Dass ich so etwas mal sagen würde! Vermutlich tötet all’ das Stevia sowieso jeden positiven Effekt des Tees. Lernkurve huuuiii!

Schlechte Gründe für Sport

Meine normalen Gründe für Sport sind Dinge wie „ich will mich bewegen“, „ich will Muskeln“, „ich esse gern“, „ich möchte irgendwann mal nackt nicht mehr wie Rufus aus Kim Possible aussehen“.

Sehr valide Dinge und bestimmt von vielen Leuten nachvollziehbar.

Gestern wollte ich eigentlich Sportpause machen. Weil ich von Sonntag noch sehr wüsten Muskelkater sowohl im Schulter-, als auch im unteren Rücken und Oberschenkelbereich hatte. Jaha, Bankdrücken, Deadlift und so sind sehr ganzheitlich. Nichts tun, dem Körper Zeit zur Regeneration geben.

Ich kam also nach Hause, machte mir mein Essen, stellte fest, dass ich es versalzen hatte (tolle Kombi: Muskelkater, erste Zykluswoche und dann noch zu viel Salz. Ich habe ein neues Wasser-Rekordhoch von heute morgen fast fünf Kilo erreicht), aß es trotzdem (warum auch nicht?) und las dann, bevor es Zeit sein würde, mit den drei Js die Dungeons Tamriels für die Monster unsicher zu machen, ein wenig im Internet herum.

Und wurde wütend. Denn ich stieß über Reddit auf Artikel von Virgie Tovar. Immer ein Fehler. Diese Frau macht mich zuverlässig sauer. Ihr Aussehen kommentiere ich nicht, das wäre fies und unnötig (obwohl es amüsant ist, dass sie etliche Jahre jünger ist als ich, ihr Lebensstil sie aber lockere zehn Jahre älter als mich macht, optisch gesehen). Ihr Leben, ihre Entscheidung. Aber ich kriege Hals bei ihrer Schreibe. Diese Bitterkeit. Diese Projektion. Diese Krabbenkorbmentalität. Diese fast verzweifelte Überheblichkeit. Dieses Heischen nach Bestätigung. Dieses Herabsehen …

Sie selbst nennt sich „body image expert“ und ich glaube, viel falscher kann ein Selbstbild nicht sein. Das allein wäre zwar traurig, aber Selbstzerstörung ist schließlich etwas zutiefst menschliches, ich selbst habe es auch ausgiebig praktiziert und kämpfe jetzt noch gegen diesen Drang. Aber sie wendet das nach Außen. Verallgemeinert es.

Würde sie ihre Energien darauf konzentrieren, andere Menschen von der Wesentlichkeit des Haarefärbens, der Ganzkörpertätowierung (ein nobles Unterfangen) oder Bodymod überzeugen zu wollen, wäre das ganz allein ihr Ding und würde in mir eher warm fuzzies als Zorn auslösen. Aber sie propagiert nunmal Fat Acceptance. Und schadet damit Menschen aktiv. Verharmlost mit ihren Texten einen frühen Tod, Leiden, Krankheit und verringerte Lebensqualität.

Und das hat in mir so eine Wut erzeugt, so eine unhaltbare Energie, dass ich tatsächlich nach dem Nachtisch (ein ganzer Eimer Sojajoghurt mit Obst) aufgestanden und noch Joggen gegangen bin. Um mir selbst zu versichern, dass ich nie, nie, nie wieder dick werden möchte.

Der Lauf an sich war dann natürlich grauenvoll. Ich brauche für optimalen Sportgenuss einen leeren Magen. Aber ich konnte nicht anders, als dem Ganzen davonzurennen.

Wie gesagt – schlechte Gründe für Sport. Dafür werde ich mich dann heute auf ein wenig Fahrrad fahren und Spazierengehen beschränken. Soll ja eh wettermäßig grauslig werden.