Arzt

Futterverfügbarkeit: Überall Gras

Mindtraveller

Mein Kalorienansparen für die geplante Eis-Orgie läuft mehr als gut. Gestern habe ich dank Sport und dem Ersetzen von Nachtisch durch eine Tasse Kaffee mit Flavour insgesamt schon 550 Kalorien auf die Habenseite gewirtschaftet. Sollte ich das heute nochmal so gut hinbekommen, bin ich schon Mittwoch im grünen Bereich! Da könnte ich dann glatt noch einen Falafel-Döner unterbringen. Wäre auch gut, das ganze Eis mit etwas Salzigem zu kontern. Mal sehen, ob ich darauf Lust habe.

Heute ist erst einmal ein Arztbesuch geplant. Beim Orthopäden. Wegen Schulter und Knie. Ich bin wie üblich unruhig. Habe das Gefühl, dem Arzt mit meinen belanglosen Wehwehchen nur die Zeit für seine richtigen Patienten zu stehlen. Und was, wenn das Ganze sowieso schon chronisch ist? Wenn ich für immer Schmerzen haben werde? Alles also sehr irrational und unschön. Da muss ich durch.

In den letzten Tagen ist mir immer mehr aufgefallen, wie viele Menschen im Gehen essen (Behold the Themenwechsel!). Wie einfach Futter auf die Hand verfügbar ist. Und ich habe darüber nachgedacht, ob es schon immer so war. Hierbei kam ich zu keinem Ergebnis. Aber stellte fest, dass alle Leute, die ich kenne, die fast nie unterwegs etwas essen, schlank sind. In meiner Familie ist es auch völlig unüblich, sich irgendetwas zu essen zu holen, wenn man in die Stadt geht. Überhaupt wird fast nichts fertig gekauft. Mittagessen für Job und/oder Schule wird zu Hause vorbereitet und wenn man einkaufen geht, holt man sich unterwegs gar nichts, weil das teuer ist und man auch besser zu Hause essen kann. Maximal etwas zu trinken, aber auch das nur im äußersten Notfall. Dass mein Vater sich vor langen Touren in den Odenwald bei immer derselben Bäckerei immer dieselbe Anzahl Rosinenschnecken geholt hat, ist eine Anomalie.

Meine Familie ist (bis auf früher mich) schlank.

Im Gegensatz dazu die Familien zweier Ex-Beziehungen. Dort sind alle sehr, sehr dick, ständig auf „morgen fang ich Diät an“ und immer absolut verblüfft, wie sie so zunehmen können, obwohl sie doch kaum etwas essen. In diesen Familien ist es völlig üblich, beim Einkaufen auf jeden Fall noch etwas zu essen. Ein Stück Pizza in der Fußgängerzone, ein Brötchen beim Bäcker und dann, wenn man fertig mit Einkaufen ist, zum Mäcces.

Das könnte man nun auf besondere Willensschwäche schieben. Aber das allein wäre definitiv zu einfach. Als ich letzten Samstag durch die Heidelberger Hauptstraße wanderte und mehr Fresstempel als Klamottengeschäfte zählte, wurde mir klar, dass es schon sehr zermürbend sein kann, „nein“ zu sagen. Da gibt es doch soooo leckere Sachen! Bagel mit frischem Gemüse … kann doch nicht so schlimm sein? Oder das hausgemachte Eis mit nur den besten, biologisch erzeugten Zutaten. Backwaren aus hundertjährigem Sauerteig. Organische Süßigkeiten. Smoothies. Fudge. You name it.

Ist man Bummeln, hat man das Gefühl der Ausnahmesituation. Und dann fällt es leicht, sich „etwas zu gönnen“. Kostet es extra Mühe, daran vorbeizugehen. Die Köstlichkeiten zu sehen und zu riechen. Menschen dabei zu beobachten, wie sie sich an ihrem Eis mit extra Karamellstreuseln freuen. Und ich bin sicher, dass sich die Zahl dieser kleinen Futterstellen am Wegesrand in den letzten zehn Jahren verdoppelt hat. Noch mehr Versuchung pro Quadratkilometer.

Nicht falsch verstehen – ich liebe diese Vielfalt! Ich gehe staunend mit großen Augen daran vorbei. Und eben das ist die Sache: Ich muss daran vorbeigehen. Mich zwingen, nichts zu kaufen. Das kostet Kraft. Und Training.

Und ich würde deshalb niemanden verurteilen, der nachgibt. Aus welchen Gründen auch immer. Aber man sollte sich bewusstwerden, dass auch im Gehen verzehrte Nahrungsmittel Kalorien haben. Und dementsprechend planen. Der Geist ist aus der Flasche; die Amerikanisierung der Innenstädte ist nicht mehr rückgängig zu machen. Also liegt es beim Einzelnen, sich ein dickes Fell wachsen zu lassen, um den Versuchungen erfolgreich widerstehen zu können.

Oder man gehört zu den Glücklichen, die sowieso wenig Appetit haben und den ganzen Schönheiten deshalb gleichgültig gegenüberstehen können. Tu ich aber nicht. Mist. Ich muss mich daran festhalten, dass ich mir einmal die Woche einen genau berechneten Exzess gönne. Dessen Kalorien im Budget sind, auf den ich mich Tage vorher freue. Ich muss diese Besonderheit zelebrieren und auf ein Podest stellen. Dann kommt auch kein FuZo-Pizzastückchen dagegen an. Macarons größer Coffee-to-go-mit-Smarties. Ben&Jerry’s Peanut Butter Cup besser als Ciabatta mit Balsamico-Manchego-Gedöhns. Ich kann das!

Und natürlich rede ich hier nicht von geplantem Essengehen, das sich an einen Bummel anschließen kann und seit Tagen im Budget eingepreist ist. Ich meine das fast Unbewusste. Dieses „wo kommt diese leere Bäckertüte her?“-Ding. Das „ist doch nur eine Pizzaecke, wir laufen doch die ganze Zeit herum, die macht schon nichts!“. Doch. Tut sie. Eine gut belegte Pizzaecke – 290 Kalorien. Fünf Kilometer Joggen, nicht Bummeln: 170 Kalorien. Ja, nun?

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