Ach watt, Leben!, Dat Nerdstuff, Weniger

Highway to … hey look, a squirrel!

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Meine Kindle-App zeigt das Problem. Und das sind nur die letzten neun …

Freundin A. nennt mich zwar gern das ADHS-Hörnchen, aber das ist nur scherzhaft. Ich bin unendlich froh, von dieser miesen Krankheit verschont zu sein. Sie bezeichnet damit auch nur meine kurze Aufmerksamkeitsspanne. Dinge lange und konzentriert durchzuziehen ist nicht meins. Ich kann unglaublich fokussiert arbeiten … für eine halbe Stunde. Dann muss ich ein paar Minuten etwas völlig Anderes tun. Bevorzugt alberne Katzenbilder betrachten, etwas Unzusammenhängendes zeichnen oder kurz in ein anderes Zimmer gehen.

Das hat vermutlich auch dazu beigetragen, dass ich dick geworden bin. Denn sich mit Essen abzulenken ist geradezu lächerlich einfach. Praktisch sofort und überall verfügbar, aufwandslos erhältlich und befriedigend. Auf mittlere Sicht natürlich katastrophal. Und schwierig abzustellen. Auf der Arbeit geht es – da habe ich schließlich nur mein Mittagessen dabei und das bleibt bis 13 Uhr unangetastet. Aber zu Hause ist es immer noch sehr, sehr schwer. Der Kitchen Safe hilft. Aber ist natürlich nur eine Krücke. Irgendwann muss ich mich dem Problem stellen und aus mir selbst heraus damit fertig werden.

Ein weiteres Symptom dieser Sprunghaftigkeit ist mein Leseverhalten. Dank E-Books nun schmerzhaft offengelegt. Wenn ich in anderen Blogs die „diesen Monat habe ich gelesen …“-Listen sehe, fühle ich mich immer sehr als Underachiever. Ich habe nämlich im Regelfall gar kein Buch gelesen, dafür aber zehn gekauft und angefangen. Keines beendet.

Früher ging das. Als Teenager bin ich in die Stadtbücherei, habe im SF- und Fantasyregal (das waren bei uns nur zwei Regale, also übersichtlich) bei „A“ angefangen und mich durchgelesen. So konnte ich feststellen, dass ich für Stanislaw Lem niemals intellektuell genug sein werde, dass mich Terry Brooks irrational ärgerlich macht, dass mich der sechziger-Jahre-Alltags-Sexismus bei Farmer nicht stört und auch nicht beeinflusst hat und dass ich einen unerklärlichen Soft Spot für den Second-Wave-Feminism von Frau Bradley habe (ich liebe The Firebrand und Thendara House. Fight me!).

Heute könnte ich das nicht mehr. Ich würde die Swords of Lankhmar nach den ersten zehn Seiten wieder wegklicken (Cookie Cutter-Fantasy! Boah, ey!). Hätte nicht den Nerv, mir Tolkiens ausgebreitete  – und wirklich, wirklich lahme – Stammbäume anzutun. Und Sheckleys wunderbar alberner Dramocles bliebe mir so fremd wie Sir Terrys Rincewind. Ich habe mich damals sehr über den ersten Discworld-Roman geärgert, weil der stilistisch noch gar zu sehr an Adams klebte. Hat sich erfahrungsgemäß geändert – aber hätte ich ihm heute eine zweite Chance gegeben? Ich hätte so viel verpasst!

Und heute … springe ich wild zwischen Büchern hin und her, weil ich nicht einmal mehr aufstehen und ans Regal gehen muss. Ich habe alles immer in der Tasche. So kann ich mich also weder richtig auf Ragnar Blackmanes Weg zum Wolf Lord noch auf die Abenteuer der Götter und Titanen einlassen. Weil mich jeder Stimmungswechsel zu etwas Anderem schickt.

Ich will nicht wieder zurück zum Holzmedium. E-Books sind super. In Sekunden gekauft und nehmen keinen Platz weg. Aber ich muss einen Weg finden, mit meiner Sprunghaftigkeit umzugehen. Das hilft nicht nur der Leserei, sondern auch langfristig meinem Langeweile-Fress-Problem.

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